Selbstbestimmt, Co-Regulation & Fremdregulation

Selbstbestimmt, Co-Regulation & Fremdregulation

16. Dezember 2016 2 Von Lisa

Auf meinem Post über „Die Angst der Selbstbestimmung“ habe ich reichlich Kritik geerntet. Das Selbstbestimmung ja schön und gut sei – aber halt nur in gewissen Sachen.
Warum ich meinen Kindern denn so viel Verantwortung übertrage und das sie die Reichweite der jeweiligen Konsequenzen nicht überschauen können.
Und, dass es natürlich auch einfacher ist, das Kind wie einen kleinen Erwachsenen zu behandeln – oder nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn.“

Heute möchte ich einmal erläutern, was Selbstbestimmung überhaupt ist, ob ein Kind von Anfang an selbst entscheiden kann (auch Fernsehen und Süßigkeiten) und dann möchte ich noch alte Glaubenssätze die Türe zeigen, denn von denen wollen wir uns ja heute verabschieden. 🙂

Selbst-Bestimmt

Selbstbestimmt ist so ein Wort, das nach Freiheit schreit – ich entscheide selbst. Ich bin bestimmt.
Doch nur weil ich etwas selbst bestimme , bedeutet es nicht, dass ich diese Entscheidung vollkommen alleine und ohne jegliche Hilfe/Begleitung durchziehe – und mir dann im Nachhinein noch Kommentare wie „Hab ich’s dir doch gesagt“ anhören darf.

Ich kann mich ganz selbstbestimmt vor den Fernseher setzen, in Begleitung meines Freundes – wir sprechen miteinander, und reagieren auch noch auf andere Sachen. Wir sind nicht alleine (außer natürlich ich bin nun mal wirklich allein.).

Selbstbestimmt heißt also nicht, dass das Kind mit seiner Entscheidung allein gelassen wird, oder vor den Tv ‚geparkt‘ wird um die eventuellen Konflikte zu vermeiden.
Ich sitze meist neben meiner Tochter , welche die Sendung kommentiert und ich unterhalte mich dann mit ihr. Natürlich entstehen keine tiefgründigen Diskussionen, warum Minnie gar nicht bei Mickey Maus wohnt , obwohl die doch zusammen sind. Aber ich frage sie was sie sieht – oder sie erzählt es mir und wir kommen dann so ins Gespräch, was wir noch so alles sehen. Wir beschreiben also ein bewegendes Bild, stellen Emotionen fest, lernen Farben und Größen, verschiedene Tierarten – eigentlich ist es, als würden wir ein Bild ausdrucken und es genau studieren.

Und das was ich wichtig finde ist (auch wenn ich es nun schon dreimal schreibe): dass wir es gemeinsam machen.

Selbst bestimmen – das machen wir Eltern doch auch. Ich entscheide, was wir heute machen – würde ich meine Kinder absolut nicht mit einbeziehen und wäre mir ihre Meinung egal.
Doch meine Kinder dürfen mitbestimmen und vor allem selbst bestimmen ob sie XY machen wollen, toll finden oder sonst was.

Selbst bestimmen ist wie die eigene Meinung vertreten. Ich muss die Meinung anderer nicht toll finden, sie aber akzeptieren und respektieren. Genauso wie ich die Entscheidung für XY akzeptiere und respektiere. Meinungen werden diskutiert – aber letzten Endes habe ich keine andere Wahl als dem anderen seine Meinung zu lassen – ob er sie ändert oder nicht, liegt nicht in meinen Händen und schon gar nicht möchte ich jemanden dazu zwingen seine Meinung zu ändern!
Unser Kind ist ein kompetenter Mensch, mit einer eigenen Meinung und einer eigenen Vorstellung, was und wie sie Dinge machen möchten.

 

Eigenständig und Selbstbestimmt – gibt es einen Unterschied?

Ja! Kennt ihr noch das ‚eigenständige Arbeiten‘ aus der Schule? Örks! Ich hasste es! Warum? Weil ich Partnerarbeiten viel lieber mochte. Natürlich kann ich auch alleine arbeiten – aber ob ich das auch will ist ja eine ganz andere Sache.

Eigenständigkeit bedeutet also eine Sache/Tätigkeit alleine machen zu können , egal ob gewollt oder nicht. Hilfe/Begleitung gibt es (meist) nicht.
Selbstbestimmt bedeutet, dass jemand eine Sache /Tätigkeit machen will – egal ob er es alleine kann oder nicht. Hilfe/Begleitung gibt es, wenn gewollt.

„Das kann es doch noch gar nicht bestimmen!“

Und ob es das kann! Genauso wie es auf eine Frage mit Ja oder Nein antworten kann. Genauso wie es entweder deiner Meinung ist oder halt anderer Meinung.

Dein Kind ist eine eigene Person, mit eigenen Bedürfnissen, eigener Meinung und eigenem Willen.

Dein Kind braucht nicht anders behandelt werden , weil es gerade mal 1,275 Jahre alt ist. Dein Kind braucht auch nicht wie „ein kleiner Erwachsener“ behandelt werden, denn die Eltern tragen die Verantwortung.

Ich trage immer die Verantwortung. Auch wenn meine Kinder etwas selbst bestimmen was mir nicht gefällt.

Es ist zu überlegen, warum es mir nicht gefällt. Vielleicht liegt der Kern in meiner eigenen Kindheit? Oder „weil man das so nicht macht“? Besser noch: „weil Kinder das nicht dürfen/sollen“?

Ruth hat es in ihrem Beitrag so treffend formuliert:

„Klar, da haben wir die klassischen Dinge, die ein Kind nicht überschauen kann – ob du dir das fette Eigenheim leisten kannst oder nicht betrifft das Kind, es kann aber nur wenig dazu sagen und erst recht nicht die Entscheidung überblicken mit allen Konsequenzen.

Und die Verantwortung trägt es eh nicht. Das ist aber nochmal ein anderes Thema.

Dinge, die seinen Körper betreffen, aber sollte ein Kind entscheiden. Damit es seine Integrität wahren kann, damit es seine Würde bewahren kann. Das ist aktive Prävention.

Was aber nun, wenn mein Kind sich nicht mehr waschen will? Soll es das einfach entscheiden und ich sage NIX?!

Nein.

Zeig dich. Zeig dich doch mit dem, was dich bewegt. Was du weißt. Gib denem Kind die Informationen. Sei an seiner Seite.

Gib Widerstand. Sag ihm „Ey, ich finde das eklig! Können wir da nicht nen Kompromiss finden?“ Streite.

Und dann entscheidet dein Kind über seinen Körper. Weil es sein Körper ist.“

Es ist also wichtig aktiv beim Kind zu sein, sich auch über solche Sachen zu unterhalten.
Sagen warum ich es nicht supidupi finde, wenn das Kind die fünfte Tafel Schokolade vor dem Dauer laufendem Fernseher essen möchte. Aber: das Kind darf entscheiden, was in seinen Magen kommt und ob es Fernsehen möchte oder halt nicht. (Im übrigen schauen meine Kinder nicht dauerhaft Fernsehen oder essen ausschließlich Süßes. Wenn ich aber natürlich auch nur diese Dinge zur Verfügung stelle, brauche ich mich nicht wundern und darüber aufregen, dass es nicht anders ist.)

Glaubenssätze, die wir verbannen sollten.

„Wenn das Kind immer seinen Willen bekommt, dann kommt es damit nicht zurecht, wenn es mal nicht nach ihm geht.“

Nein, jeder Mensch hat einen Willen – leider wurden den meisten Kindern damals , wie auch oft noch heute, der eigene Wille krampfhaft abtrainiert. Das Kind sollte still und leise folgen und nicht auffallen.
Ein Mensch sollte immer das Recht haben seinen Willen zu bekommen, wenn dieser Wille gerade nicht zu erfüllen geht, dann braucht dieser Mensch von uns eine Menge Empathie und Begleitung in seinem Frust. Denn Wut und Trauer sind in Ordnung und sind wichtige Gefühle, die Begleitung und Beachtung brauchen.

Drehen wir den Spieß mal um: Die Eltern haben ja die Macht und können ganz einfach ihren Willen durchsetzen. Trotz allem kommen wir relativ gut damit klar, wenn wir statt unserem eigenen Willen einen Willen eines anderen Menschen zulassen. Natürlich braucht das einige Übung, da wir Erwachsenen in unserer eigenen Kindheit der Macht unserer Eltern ausgeliefert waren – doch können wir es jederzeit ändern.

Ihr seht also – ein Mensch kann auch damit umgehen , wenn sein Wille nicht erfüllt werden kann, jedoch braucht es Übung, Begleitung und Empathie von Bezugspersonen.

„Fernsehen macht dumm.
Fernsehen macht süchtig.
Fernsehen unterbindet Kreativität und körperliche Aktivitäten“

Auch das stimmt nicht – es kommt wie bei allem auf das ‚wie‘ an.
Wenn ich mein Neugeborenes wortwörtlich jeden Tag, von Anfang an , vor dem Fernseher parke und ihm keinerlei Chance gebe andere Sachen zu machen, da es für ein Baby einfacher ist auf ein sich bewegendes Bild zu starren, dann glaube ich schon, dass jedenfalls letzteres zutreffen kann.

Nun denke ich aber einfach mal, dass jegliche Eltern sich auch um ihre Kinder kümmern, raus gehen, andere Aktivitäten vorschlagen.

Und dann sehe ich Kinder, die auf den Fernseher schauen und nebenbei malen, essen, turnen – also all das, was sie angeblich nicht machen würden, laut Glaubenssatz.

Natürlich mag es Eltern geben, die keinerlei Interesse an ihren Kindern oder Aktivitäten mit ihren Kindern haben – doch das ist Laissez-faire und hat nichts mit dem hier Geschriebenem zu tun.

„Mein Kind würde den ganzen Tag nur fernseh schauen – und im Fernsehen läuft nur verblödendes und Werbung.“

Hier auch wieder: wenn ich nicht in Beziehung mit meinem Kind trete und es solange Fernsehen schauen lasse ohne irgendwie etwas dazu zu sagen -Alternativen anzubieten – , um dann am nächsten Tag zu sagen „Nein, du sitzt ja dauerhaft davor“, dann kann es durchaus passieren, dass genau dieser Glaubenssatz auch eintreten wird.

Werbung kann ich heutzutage auch vermeiden, dank Netflix , Amazon Prime etc. Dort kann ich auch entscheiden was mein Kind schauen kann und was nicht.

(Im übrigen finde ich es persönlich nicht schlimm, wenn mein Kind, oder auch ich selbst, mal eine Phase hat, in der es nicht immer raus möchte sondern auch mal „chillt“)

„Zucker macht Kinder süchtig.“

Zucker kann tatsächlich eine Art Sucht hervorrufen – es ist eine Art Belohnung für das Belohnungssystem für unser Gehirn.

Aber – und hier kommt ein riesiges aber – auch hier brauche ich nicht sehr verwunderlich sein, wenn ich keinerlei andere Sachen anbiete.
Meine Kinder essen gerne Schokolade, genauso wie sie oft genug Birnen, Äpfel, Gurken, Bananen etc essen. Ich biete ihnen also auch immer gesunde Alternativen an – wonach sie greifen, ist ihre Entscheidung (hier sei auch gesagt, dass ich Süßigkeiten nicht offen hier stehen habe, sondern in einer Schublade. Erstens weil ich es einfach nicht mag und zweitens, weil wir einen großen Hund haben und ich nicht riskieren möchte, dass er Schokolade o.ä. frisst.)

„Bei hohem und regelmäßigem Haushaltszuckerkonsum und mangelnder Bewegung entsteht ein Teufelskreis. Alles, was wir an zugeführtem Zucker nicht verbrennen (durch Bewegung), wird im Körper als Fett gespeichert.“ Quelle Focus

Hier ist also eines entscheidend : körperliche Aktivität (und jedes Kind hat einen Bewegungsdrang) und in Maßen und nicht in Massen. Wenn ich also -übertrieben – fünf Tonnen Süßigkeiten Zuhause habe, kann ich nicht erwarten, dass mein Kind pro Tag 25 Gramm isst.

Wir persönlich kaufen nicht viele Süßigkeiten, aber das was da ist, darf natürlich auch verzehrt werden. Dabei ist es mir persönlich egal ob alles an einem Tag vernichtet wird, oder jeden Tag ein bisschen.

Alleine schon dadurch, dass wir einen Hund haben, bekommen wir alle genug Bewegung und frische Luft.

Also bei diesen Glaubenssätzen hängt vieles einfach davon ab, wie ich mit meinem Kind in diesen Situationen umgehe. Ignoriere ich es in der Zeit, dann kann es durchaus sein, dass das Kind mit weniger Bewegung und Kreativität vor dem Fernseher sitzt und nach Süßigkeiten greift.

Selbstregulation geht nur, wenn wir es wirklich zulassen!

Selbstregulation mag uns nicht immer gefallen – denn wir haben ja eine gewissen Vorstellung davon, wie wir gerne hätten wir das Kind sich entscheidet.

Doch genau da liegt der Knackpunkt: Vertrauen gewinnen. Unsicherheit ablegen.

Wenn ich möchte, dass sich meine Kinder in sämtlichen Bereichen selbst regulieren, dann darf ich kein Ziel haben. Wenn ich ein bestimmtes Ziel habe (zB dass mein Kind nach zwei Stücken Schokolade erkennt, dass es reicht.) dann habe ich schon zu hohe Erwartungen und werde direkt enttäuscht.

Ich brauche nicht denken, dass meine Kinder immer um 18 Uhr ins Bett gehen – ganz selbstbestimmt – wenn es eigentlich eine Erwartung, ein zu erfüllendes Ziel ist.

Denn wird meine Erwartung nicht erfüllt, dann bin ich misstrauisch, enttäuscht und zweifle an der Kompetenz meines Kindes, dass es sich nicht selbst regulieren kann.

Doch das kann es – nur halt nicht nach meinen Erwartungen.

Co-Regulation

Co-Regulation ist wie Co-Sleeping.
Es ist die Begleitung und Hilfe für etwas – beim Co-Sleeping logischerweise das Schlafen.

Bei der Co-Regulation kann es um das Fernsehen, Schlafen, Süßigkeiten essen oder sonst was gehen.
Wir können unseren Kindern dabei helfen, sich selbst zu regulieren, wenn sie es gerade nicht alleine schaffen, weil sie z.B. schon „über dem Punkt hinaus sind“.
Wenn ich weiß, dass mein Kind bei ‚zu viel‘ Zucker überdreht und sich nicht sehr gut selbst regulieren kann, dann kann ich meinem Kind helfen, indem ich weniger Süßes kaufe, süße Alternativen anbiete, gesunde Lebensmittel selbst mache (wie z.B. eine gesunde Nuss-Nougat-Creme).

Anlügen und Erpressen als Co-Regulation?!

Definitiv sind diese Methoden einfach nur Machtvoll und Erniedrigend.
Das Kind anzulügen (dass der Fernseher/Tablet etc nicht funktioniert oder keine Süßigkeiten im Haus sind) nur damit ich meinen Willen bekomme, ist für mich definitiv die falsche Strategie und absolut nicht wertschätzend.

Auch Erpressen (Wenn du nicht erst dein Zimmer aufräumst, dann darfst du heute kein Fernsehen.) ist eine Art der Gewalt – niemand möchte so behandelt werden. Genau wie Manipulation – an Bedingungen geknüpfte Entscheidungsfreiheit – wie z.B. „Wenn du noch Zähne putzt, dann darfst du noch Fernsehen/länger aufbleiben.“

Co-Regulation ist ’nur‘ Hilfe anbieten, wenn diese abgelehnt wird, dann müssen wir dies akzeptieren. Anders dagegen ist Fremdregulation, in der über die Bedürfnisse des Kindes hinweg gesehen wird und das Kind keine Entscheidungsfreiheit hat.
Es geht z.B. zu einer bestimmten Zeit ins Bett, darf keinen oder nur wenig Fernsehen schauen, kein oder nur wenig Süßes essen, anziehen, was die Eltern wollen etc.

Bei Fremdregulation können viele Kinder sich selbst nicht mehr spüren. Wissen also ihre eigenen Bedürfnisse irgendwann gar nicht mehr, brauchen später viel Co-Regulation, da ihnen die Kompetenz der Selbstregulation abgesprochen wurde.  Es bringt den Menschen in eine Art Abhängigkeit – jemand, der ihm immer sagt, wann es zu viel wird.

Oft wird Fremdregulierung mit Angst gerechtfertigt, oder dass ihr Kind nun mal sich nicht selbst regulieren kann. Die Erfahrung wird auch oft in den Vordergrund geschoben und macht das Kind insgeheim weniger Wert.

Ich weiß ja, wie es sich anfühlt, wenn man den ganzen Tag TV sieht.“
Ich weiß , dass kalte Hände irgendwann weh tun können.“
Ich weiß, dass andere reden könnten, wenn mein Kind nur XY trägt.“
Ich weiß, dass ich morgen müde sein werde, wenn ich zu spät ins Bett gehe.“

 

Fazit

Selbstbestimmung ist ähnlich wie die eigene Meinung vertreten. Ein Mensch sollte über seinen eigenen Körper selbst bestimmen dürfen, damit dessen Integrität gewahrt wird.

Ein Kind, welches selbstbestimmt Fern sieht oder Süßigkeiten isst – in Begleitung der Eltern – sitzt keine 24h wie gelähmt auf der Couch.

Anders als bei Fremdbestimmten Kindern, welche kaum bis gar keine Entscheidungsfreiheit haben – sie können sich dann nicht selbstregulieren und sind (meist) sehr gefesselt vom Programm.

Wir müssen uns reflektieren – warum wir den Glaubenssätzen trauen, unseren Kindern ihre Kompetenzen absprechen und uns von unseren Ängsten leiten lassen.

Wir brauchen mehr Vertrauen zu uns und in unsere Kinder.

Mehr Beziehung statt Erziehung – mehr miteinander statt gegeneinander.

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