Die Angst vor Selbstbestimmung

Meine Kinder dürfen selbstbestimmt fernseh gucken, Süßigkeiten essen und schlafen gehen.

Und gerade überlegte ich, warum so viele Eltern ,oder auch nicht-Eltern , etwas gegen diese Art von Selbstbestimmung haben.

Die letzten Tage oder eigentlich Wochen, schaut meine knapp 2,5 jährige viel TV. Oft so viel, dass ich an meiner Einstellung zu diesem Thema zweifle – doch wie eben erwähnt, habe ich nachgedacht.

Selbstbestimmt fern schauen , das ist doch gar nichts schlimmes.

Es wäre doch wie: selbstbestimmt spielen, malen, basteln , lesen, klettern , Quatsch machen, lachen, weinen, wasauchimmer.

Wenn selbstbestimmtes Fernseh gucken schlecht ist – was ist dann am bestimmten malen, basteln etc. gut?

Wieso sind all die Sachen gut, die wir wollen , dass sie unsere Kinder machen?

Wieso soll mein Kind malen – damit wir sagen können „Toll, du malst ja!“ ?

„Fernsehen verblödet. Die Kinder sitzen ja nur davor und machen nichts.“

Stimmt nicht.

Das Gehirn arbeitet durchgehend – auch beim malen, lachen, toben etc.

Natürlich ist es einfacher gesagt, dass Kinder etwas lernen, wenn man selbst dann auch ein Ergebnis (z.B. ein buntes Bild) sieht. Doch müssen alle Aktivitäten , die mein Kind hat, einen Nutzen bringen? Muss mein Kind dauerhaft etwas lernen und Ergebnisse dessen vorzeigen können – oder darf es auch einfach Mensch sein und mal vor der Glotze hängen, wie Muddi und Vaddi es Abends auch machen?

Viele Menschen – wenn auch nicht alle – sind dafür, dass die Kinder nicht extra gefördert werden brauchen. Und ja, da geh ich voll mit!

Doch wieso müssen sie dann in den Augen der Eltern nur pädagogisch wertvolle Aktivitäten machen? Wieso wird so hartnäckig auf dieses „Es soll ein Kind bleiben“ gepocht? Ist mein Kind nur ein Kind, wenn es draußen und drinnen spielt, läuft , malt, lacht, bastelt , badet, Unsinn macht?!

Mein Kind ist auch ein Kind, wenn es wie zig andere Menschen mal vor dem Fernseher hängt als über einem Buch oder einem leeren Blatt  Papier.

Mein Kind wird noch genügend leere Blätter mit Farbe füllen, noch genug Experimente in der Natur oder in Mamas Küche vollbringen – doch mein Kind darf nicht nur Kind sein, sondern auch Mensch. Und in unserer jetzigen Zeit gibt es auch den Fernseher,Tablets, Handys und ich weiß nicht was noch.

Ein Kind braucht nicht nur pädagogisch wertvolle Dinge machen. Wo bleibt der Spielraum zwischen Kind zu sein und Kind sein zu müssen?

Wenn in mir die Aussage aufkommt: „Kinder sollten keinen TV schauen“ – dann frag ich mich, wieso denn nicht?

Wieso sagen wir einerseits, dass Kinder gleichwürdig behandeln werden sollen, aber andererseits dürfen sie nur Kind sein?

Wieso sind die o.g. Dinge nur Kindgerecht? Darf ein Kind nur diese Sachen machen um den Status „Kind“ zu tragen?

Ist es nicht viel wichtiger, dass wir unser Kind nichts als Kind, sondern als Menschen sehen? Meine Kinder tragen den Status „Mensch“ und brauchen nicht „Kind sein“ – es erfreut mich, wenn sie einfach Mensch-sind. Wenn sie leben. Wenn sie gleichwürdig behandelt werden – in allem und nicht nur in pädagogisch Wertvollem.

Wovor haben wir Angst? Das unser Kind „dumm“ wird? Das unser Kind nicht mehr malen will – so wie wir es gerne hätten – sondern das tut, was es gerade möchte, nämlich Fernsehen schauen?

Es ist für mich so kontrovers , wenn gesagt wird, dass wir unser Kind gut so finden , wie es ist – und andererseits wollen wir es so formen , wie wir denken, das ein Kind so sein muss. Verspielt, kreativ, von morgens bis abends in Bewegung – da passt der Fernseher natürlich nicht mit ins Bild.

Doch ich bin der Meinung, dass ein gleichwürdiges Zusammenleben nur funktioniert, wenn wir unseren Kindern diese Gleichwürdigkeit in allen Bereichen des Lebens zusprechen – und nicht nur in den Bereichen, die wir für das Kind-sein als ideal empfinden.

Was meint ihr denn? Teilt ihr meine Ansicht zu diesem Thema? 

9 Kommentare

  1. Wenn ich meine Kinder selbstbestimmt in dem von dir geschilderten Rahmen alles machen ließe, säßen sie morgens schon Stunden vor dem Fernseher und bekämen im Laufe des Tage unfassbar schlechte Laune und extreme Unruhe. Das passiert schon, wenn sie einen Kinderfilm sehen. Optimal sind 20 bis 30 Minuten von einer unaufgeregten Kindersendung auf DVD. Sie dürfen oft gucken. Aber dann im abgesteckten Rahmen. Und eine Zeitlang sahen sie täglich 20 Minuten eine Sendung und waren abends eine Vollkatastrophe. Es kehrte keine Ruhe ein. Ich strich das Fernsehen und es klappte abends wieder besser.

    Selbstbestimmtes Schlafen machen wir sozusagen. Ich habe schon früh auf ihre Signale geachtet und sie zur entsprechenden Zeit ins Bett gebracht. Mittlerweile klappt das nicht mehr so. Wir haben ein Abendrituatl und dann bringe ich sie ins Bett. Da sie zu dritt sind, machen sie oft noch eine Weile quatsch, unterhalten sich oder spielen und schlafen dann irgendwann ein. Aber den Rahme: Jetzt geht´s ins Bett, setzte ich. Sonst würden sie ziemlich lange noch bei uns Eltern sein und rumtoben.

    Ich glaube, dieses Selbstbestimmt funktioniert nur in einem gewissen Rahmen und hängt auch sehr stark von den Kindern ab.

  2. Wir sehen selber tagsüber überhaupt nicht fern, unsere fast 2,5 jährige kennt den Fernseher somit überhaupt nicht und kommt auch gar nicht erst auf die Idee zu schauen. Ich finde es dennoch OK, wenn ein Kind mal fernsehen darf. Aber nicht als Dauerbeschallung. Es kommt einfach nicht viel Schönes im Fernsehen. Es kommt sehr viel Werbung, sehr viel nicht wirklich altersgerechtes, ich finde die meisten Trickfilme heutzutage irre stressig. Und bei selbstbestimmten Süßigkeiten finde ich es ebenso schwierig, mein Kind würde sich davon nämlich von morgens bis abends ernähren. Mag sein, dass ich das manchmal auch gerne würde, aber ich tue es nicht, weil ich weiß wie schädlich es für meinen Körper ist. Ein Kind kann das meiner Meinung nach nicht ansatzweise einschätzen was der irre Zuckerkonsum auf die Dauer anstellt. Deshalb gibt es bei uns auch zu diesem Thema Grenzen. Sonst gibt es auch bei uns sehr wenig Grenzen und prinzipiell teile ich viele Deiner Ansichten sonst auch.

    1. Ich kann halt nur von meinen Kindern und den Kindern aus meiner Umgebung erzählen : meine Kinder greifen lieber zu Obst und Gemüse als zu Süßem – wenn sie die Wahl haben.
      Meine Kinder gehen auch lieber raus , als vor dem TV zu sitzen – wenn wir Ihnen die Wahl und die Möglichkeiten geben.

      Und dank Netflix gibt’s auch keine Werbung und das, was meine Kinder mögen. 🙂

  3. Sicher sind kleine Kinder auch Menschen,dass hat in meinen Augen aber nichts mit Selbstbestimmung zu tun, wie du sie beschreibst. Sie brauchen Grenzen und unseren Schutz, weil sie Gefahren und Auswirkungen noch nicht kennen. Wir wissen, dass wir ins Bett müssen, wenn langsam die Müdigkeit eintrifft, denn am Folgemorgen steht die Arbeit an. Da möchten niemand einen übermüdeten Mitarbeiter haben. Kinder sollten wach in die Litauen gehen, denn permanent müde dort aufkreuzen, wird sie von vielen schönen Dingen abhalten. Glaubst du, dass Dreijährige soweit die Konsequenzen abschätzen können? Ist es nicht deine Aufgabe, sie an solche Rituale heranzuführen und manchmal auch vor sich selbst zu beschützen? Ich würde es mir wahnsinnig bequem machen, wenn ich meinen Sohn einfach immer machen lassen würde. Klar, ist das praktisch, wenn er sich selbst vor dem TV parkt, als dass ich mit ihm auf den Spielplatz gehe. Und um das Hirn einmal abzuschalten, gibt es andere Möglichkeiten als Fernsehen. Das ist ja auch nichts Schlechtes. Doch wie bei Allem ist das Maß entscheidend und das können Kinder eben noch nicht abschätzen, sondern müssen es von den Erwachsenen lernen. Dazu gehört auch der Frust vor einem Nein und das Aushalten des Gegenwindes durch die Eltern. Ich möchte kein Kind, dass später aneckt, weil es nur macht, wonach ihm gerade der Sinn steht. Kindern Entscheidungsfreiheit geben, finde ich enorm wichtig. Aber in Maßen. Das schützt vor Überfordern und mit wachsendem Alter können wir Ihnen doch problemlos immer mehr Spielraum geben? Tut mir Leid, aber ich kann dir nicht beipflichten. LG, Sabine

  4. Hm, das kommt jetzt immer drauf an, wie weit du das wirklich treibst mit der Selbstbestimmung. Meine Kinder dürfen auch TV schauen und auf Smartphone und Tablet spielen. ABER ich habe ein Auge drauf, was sie da tun. Am TV wird immer gezielt etwas aus Amazon Prime oder Sky ausgewählt. Ohne Werbung (ich habe meinen Sohn einmal beobachtet, als er Werbung gesehen hatte … danke). Und auch die Apps sind quasi von mir abgesegnet. Sie dürfen auch mal länger als 30 Minuten. Wenn ich aber merke, dass die Stimmung kippt, dann wird abgeschaltet.
    Ich bin auch der Meinung, dass sie auch mal Dinge tun dürfen, die einfach nichts bringen. Ich will mich ja auch einfach mal berieseln lassen. Aber Überhand nehmen darf das nicht. Ich selbst weiß, dass ich jetzt mal wieder was tun muss. Kinder erkennen das noch nicht. Deswegen muss man da einfach ab und an den Riegel vorschieben.
    Es ist nicht falsch, den Kindern Grenzen aufzuzeigen. Denn auch als Erwachsener muss ich gewisse Grenzen einhalten. Moralisch, beruflich, …
    Im Übrigen habe ich jetzt gerade damit zu tun, meinen Großen (Vorschulkind) zum Malen zu bringen. Er mochte das noch nie. Jetzt wird mir plötzlich gesagt, dass er mehr malen muss, damit sich die Muskulatur in der Hand besser ausbildet, weil es sonst in der Schule zu anstrengend wird für ihn.
    LG, Tina

  5. fernsehen, süßigkeiten sind die ersten konfrontationen mit sucht für kinder. ich denke, es kommt auch sehr auf das kind an – wie gut es sich spürt – ob ich es frei entscheiden lassen kann.
    eine waldorf fee erklärte mir mal, wenn ich meinen kindern schon von anfang an alle werkzeuge zur verfügung stelle – ohne dass wir die fertigkeiten zusammen erproben, haben sie keine motivation mehr erwachsen zu werden und damit auch (innerlich) zu wachsen.
    es ist ein sehr heikles thema. weil wir den kindern mit diesen „einstiegsdrogen“ einen umgang mit späteren drogen konfrontationen vermitteln.
    ab und zu ist es sicher richtig sie spüren zu lassen, dass es ungesund ist süßigkeiten in übermaßen zu konsumieren – aber spüren die das überhaupt? als kind konnte ich endlos naschen ohne dass mir jemals auch nur kurz schlecht war. eine freundin wurde überhäuft mit süßigkeiten und hat jz probleme mit dem bindegewebe der haut.
    ja. bei uns gibt es auch grenzen. aber mit maß und ziel. denn wenn ich es ihnen zu sehr verbiete, wollen sie es dann, wenn sie einen freieren zugang zu dem thema haben in übermaßen.
    es gilt auch hier die richtige balance zu finden 🙂

  6. Hallo!

    Schokolade (bzw. Eis) und Fernsehen. Auch hier gerade brandheiß.
    Die Kleine ist zwei und heute, nach dem Aufstehen war das erste, das die gesagt hat, dass sie ein Eis mag.
    Wie machst du das dann (bzw. wie hast du das gemacht?).
    Gleichzeitig will sie nicht Zähne putzen. Wollte sie noch nie. „Früher“ nahm sie wenigstens die Zahnbürste in die Hand, nicht einmal das macht sie.
    Ich schaffe es nicht, ihr einerseits ein Eis zum Frühstück zu gewähren, andererseits zu wissen, dass sie die Zähne nicht putzt (geputzt bekommt).
    Fernsehen genau so. Wie kann man das angehen? Einfach mal „austesten“, ein paar Tage, Wochen? Wie funktioniert das? Ich bin allein schon beim „wie geh ich’s an“ überfordert 🙈

    1. Hallo Kathi!
      Ich glaube ‚funktionieren‘ ist einfach das falsche Wort.
      Wenn du das Ziel hast, dass deine Tochter nur dann und dann und nur eine bestimmte Menge von bestimmten Sachen isst, dann kommuniziere das.
      Wenn du denkst, dass sie es von selbst regulieren kann (was zu 95% der Fall ist, natürlich gibt es Ausnahmen.), dann stell ihr alles zur Verfügung. Damit meine ich nicht nur die Schokolade, sondern halt auch Obst und Gemüse.
      Ich habe eine Zeit lang den ‚Fehler‘ gemacht, dass ich dann halt immer gesagt habe , dass sie sich aus dem Schrank Süßigkeiten nehmen können, habe dann aber auch nichts anderes nebenbei angeboten oder einfach hingestellt – bei einem Haushalt mit Katzen auch gar nicht so einfach. Daraus resultierte, dass sie halt eher die Süßigkeiten mochten als Obst und Gemüse – was natürlich auch immer Phasenweise so ist.

      Mit dem Zähne putzen sehe ich es von Anfang an sehr locker. Die Zähne werden nicht gesünder wenn sie morgens Apfel oder Banane essen. Warum also einen Unterschied machen? Das steckt alles im Kopf und ist einfach ein alter Glaubenssatz. Aber ich verstehe deine Sorge, vielleicht kannst du dir selbst erstmal etwas den Druck rausnehmen, damit du gelassener an die Sache rangehen kannst?
      Da sie ja erst zwei ist, kann sie wahrscheinlich auch einfach noch nicht ganz nachvollziehen, warum das Zähne putzen (für dich) wichtig ist. Hast du ihr die Zahnbürste aussuchen lassen? Welche Zahnpasta benutzt ihr? Das war hier auch mal ein größeres Thema, weil sie nur eine bestimmte Sorte mochten (war mit Erdbeergeschmack, ist rot , glaube von Weleda).
      Du kannst dich ja gerne nochmal melden. 🙂

      Liebe Grüße!

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