Muss ein Kind höflich sein?

Höflichkeit wird in unserer Gesellschaft sehr wertgeschätzt – doch, ab wann muss ein Kind höflich sein und wie sollte diese Höflichkeit aussehen?

Muss mein Kind immer „Hallo“ , „Danke“ und „Bitte“ sagen und ist es sehr unfreundlich diese Dinge nicht zu sagen?

Glaubenssätze adé

Für viele gilt: Wer nicht grüßt ist unfreundlich. Wer nicht bitte und danke sagt, schätzt XY nicht wert und ist undankbar und unhöflich.

Erschreckender Weise ist dieser Glaubenssatz so weit verbreitet, dass auch im Internet haufenweise Artikel verfügbar sind, wo geschrieben steht, wie Kinder zu sein haben und wie sie Manieren und Höflichkeit lernen.

Doch wird immer wieder eines vergessen : das Kind. (bzw Mensch)
Egal ob Baby, Kleinkind, oder Teenager. Was wir vergessen ist, diesen Menschen zu sehen!

Jeder kennt sie mittlerweile – die Sätze von der Schwiegerfamilie, Freunden oder völlig Fremden:

„Na? Wiiiiiie sagt man?“

„Zauberwort?!“

„Willst du denn XY nicht mal Hallo sagen? Los, sag Hallo!“

„Hast du denn auch schööön lieb Danke gesagt?“

Wisst ihr noch, damals, als ihr diese Sätze gesagt bekommen habt?

Ich wollte kein „Zauberwort“ oder sonstiges sagen. Entweder kannte ich diese Menschen gar nicht und war dementsprechend zurückhaltender/schüchterner/misstrauischer oder wollte eben nicht etwas bekommen, was an Bedingungen (sagen dieses „Zauberwortes“) geknüpft ist. Für jedes „Wollen“ etwas „Tun“ ist – seien wir mal ganz ehrlich – einfach nervig und irgendwann anstrengend.
Und ich bin sicherlich nicht die Einzige, die so empfindet. Wer findet es nicht schön, wenn man etwas möchte und der andere sagt nicht: Na, wie sagt man? Runter auf die Knie und erstmal ein paar Liegestütz – du musst es dir schon verdienen!“ – natürlich nur metaphorisch betrachtet und übertrieben, wobei ich nicht ausschließen möchte, dass es solche Bedingungen nicht schon gab!

Mit zunehmendem Alter habe ich aufrichtige Dankbarkeit zu zeigen und zu fühlen – aber vor allem das Ausdrücken dieser Gefühle – verlernt.
Schlicht und ergreifend aus dem Grund, weil ich zu allem und jedem „Danke und Bitte“ sagen sollte.

Irgendwann wird dieser Zwang zur Gewohnheit – und in einer Gewohnheit stecken oftmals nicht viele Gefühle mehr drin.
Aus Gewohnheit und nicht aus ehrlicher Höflichkeit/ehrlichem Interesse heraus etwas zu sagen, ist für mein Empfinden nicht sehr authentisch und nur daher gesagte Floskeln.

Streng sein bringt Höflichkeit

„Die Kinder früher waren eindeutig besser und höflicher erzogen, da Ihre Eltern strenger waren, sie viel arbeiten bzw. zu hause helfen mussten und sie dadurch ihre Aggressionen abbauen und ihre überschüssige Energie sinnvoll ausschöpfen konnten.

Schämen sich die Eltern solcher unhöflicher, respektloser, aggressiver Kinder nicht? Was tun, wenn das eigene Kind keinen Respekt vor den eigenen Eltern und vor allem anderen Personen gegenüber hat? Sollte man es auch für einige Wochen ans andere Ende der Welt zu den „strengsten Eltern der Welt“ schicken – genügend TV-Sendungen gibt es ja dafür? Oder schadet es vielleicht doch nicht, wenn das Kind ab und zu, sobald es wieder besonders frech war mal einen Klapps auf den Hintern bekommt? Wie war das bei Euch früher? Habt Ihr von Euren Eltern auch mal einen Klapps bekommen – hat´s geschadet oder gebt Ihr Euren Eltern teilweise auch recht?“ (Quelle : bettinet.de )

„.. da ihre Eltern strenger waren..“ – „…mal einen Klaps auf den Hintern bekommt..“

Weil ein Mensch „unhöflich“ (ich schreibe es extra in Gänsefüßchen, warum erfahrt ihr weiter unten) ist, sollten Eltern „strenger“ sein und auch mal einen Klaps geben? Hört ihr das Geräusch, wie ich gerade aus allen Wolken falle?!

Misshandlungen werden damit gerechtfertigt, weil ein junger Mensch gerade mal kein Danke, Bitte oder sonst was gesagt hat?!

„Nach § 1631 Abs. 2 BGB haben in Deutschland Kinder „ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.““ (Quelle: Wikipedia)

Jeder Klaps auf Finger, Po, Schulter, Gesicht, sonst wo hin ist Misshandlung!
Und auch jedes „Bist du zu dumm zum „Danke“ sagen?!“ ist (psychische) Misshandlung/Gewalt!

Ich würde behaupten, je strenger und konsequenter Eltern zu ihren Kinder , vor allem bezüglich der Höflichkeit, sind, desto öfter werden Kinder all diese Höflichkeitsfloskeln nur sagen um einer Strafe zu entkommen.

Und was wollen wir? Das unsere Kinder Höflich sind, weil sie es sind?
Oder wollen wir, dass unsere Kinder höflich sind, weil ‚man‘ nun mal höflich zu sein hat und wenn nicht, dann bekommt das Kind Ärger?

Alles eine Sache der Interpretation

Die Anzahl der wirklich unhöflichen Menschen ist wahrscheinlich viel geringer als wir eigentlich denken.
Genau wie die Anzahl der „Schubladen-Denker“ wahrscheinlich auch viel geringer ist – Susanne Mierau hat vor einigen Wochen auf ihrem Blog darüber geschrieben, bzw die Gegenseite hat ihr geantwortet.

Wenn ich also nicht „Hallo“ sage, bedeutet es nicht, dass ich unhöflich oder gar unfreundlich bin. Sondern es bedeutet, dass ich vielleicht gerade wirklich mal keine Lust habe zu sprechen (ja, sowas soll es geben!) und ich daher eher müde lächle oder meine Augen auf den Boden richte und mich wieder meinen Gedanken widme.

Wenn ich nicht bei jeder „Kannst du mir..“- Frage ein „, bitte?“ ranhänge, heißt es nicht, dass ich diesen jemanden als meinen Diener ansehe oder unhöflich bin. Es bedeutet auch nicht, dass ich undankbar bin, wenn ich mich dafür dann nicht bedanke – sich für jede Sache zu bedanken und königlich darum zu bitten, empfinde ich auf Dauer als anstrengend und nicht authentisch.

„Du brauchst dich nicht immer zu bedanken.“ sagte mir mal mein Freund.

Und recht hat er. Bedanken für alltägliche Sachen? Wo bleiben denn die Dankbarkeits-Gefühle?
Oder sollte ich vor Freunde und Dankbarkeit einen Knicks machen, zehn Luftsprünge machen und ihm eine wahnsinnig innige Umarmung geben, weil er mir den Stift gegeben hat, der neben ihm lag?

Diese Gefühle (und das allgemeine Danke etc) spare ich mir in diesem Moment und gebe sie in wirklich , richtig ehrlichen, dankbaren Momenten frei.
Und damit bin ich dann nicht unhöflich, wenn ich kein „Danke“ sage , obwohl mein Freund so gütig war um mir den Stift zu geben.

Vorbildfunktion und authentisch sein

Ich lebe Höflichkeit vor. Sage Hallo zu Menschen, die ich Begrüßen möchte – sage Danke, wenn ich etwas geschenkt bekomme oder auch einfach etwas gereicht bekomme, worum ich gebeten habe und wofür ich mich bedanken möchte.
Ich bin authentisch, indem ich wirkliche Freude zeige, wenn ich beispielsweise eine gute Freundin von mir treffe und wir uns zur Begrüßung herzlich umarmen.

Wenn ich von meinem Kind verlange, dass es immer diese Höflichkeitsfloskeln sagen soll und ich es aber selbst kaum mache , dann brauche ich mich ehrlich nicht wundern, dass mein Kind meine Erwartung nicht erfüllen kann. (Erwartungen sind sowieso fehl am Platz)

Wenn ich Respekt von anderen Menschen erwarte, dann fange ich immer erst bei mir an – wenn ich anderen Menschen Respekt, Höflichkeit etc entgegenbringe, dann werden (meistens) auch die Menschen so zu mir sein. Und wenn nicht, dann hat dieser Mensch vielleicht gerade einen miesen Tag hinter sich – soll vorkommen , ich brauche es nicht persönlich nehmen.

„Wir leben mittlerweile in einer Ellbogen-Gesellschaft.“

Dem stimme ich teilweise zu – jedoch liegt es meines Erachtens eher daran, dass Menschen darauf getrimmt werden , immer und zu jedem Höflich zu sein haben – und dann kommt es vor, dass Jugendliche oder auch Erwachsene einfach mal leben. So, wie sie es gerade für richtig empfinden. Und dann kann es auch vorkommen, dass sie halt mal nicht in der U-Bahn, den Platz für den etwas älteren Herren anbieten, welcher augenscheinlich noch sicher auf den Beinen stehen kann.

Damit ist dieser Mensch nicht unhöflich – vielleicht stand dieser Mensch selber den ganzen Tag auf den Beinen und ist erschöpft. Vielleicht hatte er im Bus schon einer älteren Dame den Platz freigemacht und möchte jetzt auch einfach mal einen Sitzplatz genießen. Und vielleicht hat dieser Mensch auch einfach keine Lust jemandem den Platz anzubieten, weil er bisher immer dazu gezwungen wurde höflich und zuvorkommend zu sein.

Fazit

Seid authentisch – seid ehrlich.

Lebt vor und legt den Glaubenssatz ab „Nur ein höflicher Mensch ist ein guter Mensch“ – wir kommen nicht als Tyrannen auf die Welt.

Schaut euch um. Schaut anderen Menschen ins Gesicht und beurteilt nicht das Gesprochene. Schaut hinter die Fassade – hatte mein Kind einen schlechten Tag? Hat mein Kind gerade Angst vor XY und möchte deswegen nicht Grüßen?

Stehe für dein Kind ein – bedanke dich selbst, wenn dein Kind nicht möchte und es dir aber wichtig ist.
Sage, dass dein Kind gerade zu schüchtern ist um „Hallo“ zu sagen , du es aber nicht schlimm findest.

Mache dir klar, dass jeder Zwang früher oder später ‚ausbricht‘ – und sei es nur, dass ein Mensch nicht mehr grüßen möchte, weil er nun erwachsen ist und es nicht mehr muss.

Eure Lisa

 

 

5 Kommentare

  1. Liebe Lisa, ich gebe dir recht, dass ein Kind nicht höfflich sein muss, wenn es einem fremden Gegenüber schüchtern ist. Gestern erst ging meine Große freudig auf ein jüngeres Mädchen aus dem Kindergarten zu, oh „Hallo dich kenne ich ja aus dem Kindergarten“ streichelte sie am Kopf, hat sich total gefreut, das Mädchen sagte garnichts und sah etwas verunsichert aus. Der Vater sagte „Sag doch mal Hallo“ … nichts. Ich dachte mir halt, ist okay, meine Große ist auch manchmal ziemlich stürmisch, so ist sie eben, hab dem Mädchen noch zugewinkt und bin weiter. Alles kein Problem.

    Aber so im Miteinander finde ich es ganz wichtig, sich zum Beispiel JA AUCH FÜR EINEN STIFT zubedanken. Es ist ein kurzes Wort „Danke“ … und man könnte noch in Gedanken anfügen, „Dank, dass du mir den Stift gegebn hast, ich musste ihn mir jetzt nicht selbstholen, du hast mitgedacht“. Und ich würde bei einem Vergessen dieser Höflichkeitsform auch keinesfalls mit Strafe drohen. Aber ich finde, dass man dieses BITTE und DANKE seinen Kindern im ALLTAG einfach vorleben sollte.

    Und ich gehe sogar noch weiter. Denn es gab kürzlich erst bei einem Ausflug die Situation, bei der ich zu meiner Tochter sagte „Bitte bleib bei uns und renn nicht so weit vor“ und im nachhinein dafür kritisiert wurde, warum ich da nicht härter durchgreife. Ja, sie hat nicht gehört auf das BITTE aber ich versuche es einfach mal gerne mit BITTE, denn ich möchte nicht die ganze Zeit fordern. Und da ist doch eigentlich das BITTE die sanftere Erziehungsmethode, oder?

    Alles Liebe, Ella

    1. Huhu Ella,

      Oh, ich bin ja auch ganz auf deiner Seite. Ich lebe auch Bitte und Danke etc. vor – nur in diesem wirklich übertriebenen Ausmaße ist es dann halt zu viel des Guten.

      Ich bedanke mich oft bei jedem „Pups“ und frage mich dann schon ob das wirklich sein muss. Ob sich mein Gegenüber wirklich nur durch ein Danke gesehen fühlt. Und ob ich wirklich Danke meine oder es nur sage , weil es sein muss.

  2. Bitte und Danke waren 2 der ersten Wörter meines Sohnes – neben Hallo.
    Ich vermute, weil ich ihn von Baby an um Dinge GEBETEN habe, mit dem Wissen, dass er auch ablehnen könnte. Ich fragte ihn, ob er BITTE… und bedankte mich, wenn. Ich habe Leute mit Hallo begrüßt und er fing erst mit Lächeln und dann mit Hallo an.

    Ich habe ihn noch nie zu einem Danke aufgefordert sondern bedanke mich einfach für ihn.

    So viele Eltern fordern es von ihren Kindern, aber wenn man ihnen zuhört, verwenden sie während der ganzen Zeit, die man dabei ist, nicht einmal eines der „Zauberwörter“ im Gespräch mitihren Kindern.

    Selbst bei Kollegen in der Krippe wird von Sprechanfängern, die es geschafft haben, verständlich rauszukriegen, was sie denn nun wollen, ein BITTE gefordert. Macht das Sinn? Nein, vor allem nicht, wenn es absolut einseitig ist – wann bittet denn eine Erzieherin mal um etwas?

    Als ich im Grundschulalter war, war mal eine (blöde) Großtante zu Besuch und meine Eltern bestanden darauf, dass ich Guten Tag sage. Ich habe rumgedruckst und rumgedruckst, bis ich diese zwei Wörter über die Lippen gebracht habe.
    Noch heute, über 20 Jahre später, fällt es mir schwer, diese beiden Wörter auszusprechen und ich weiche lieber auf Abwandlungen wie „Guten Morgen“ aus. Weil ich gezwungen wurde.

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