„Mir ist nicht kalt!“ – Wieso dein Kind seinen Körper besser kennt als du.

Kennt ihr das? Zehn Grad Plus und ihr friert euch – auf gut Deutsch – den Arsch ab? Also ich kenne das. Ich bin eine richtige Frostbeule, wie so schön gesagt wird.

Und dann sehe ich meine knapp 2,5 jährige in Windel durch die Wohnung flitzen. Ich mache einen Hechtsprung und ziehe mir noch einen Pullover an.

Hä? Wieso denn mir?

„Nein Mama! Heiß!“

Mir ist kalt. Nicht meinem Kind.

Wäre meinem Kind kalt, dann würde es das sagen und würde sich was anziehen (lassen).

Und ich bin mal so mutig und behaupte, dass jedes Kind beurteilen kann, ob ihm/ihr nun gerade kalt oder warm ist. Ob es eine dicke Jacke braucht oder nur den Pulli. Ob es kniehohe, dicke Winterschuhe braucht oder Barfuß in den Schnee stapft.

Denn Kinder haben einen eigenen Körper und damit verbunden ein eigenes Temperaturempfinden.

Doch wir trainieren ihnen ab, auf ihren Körper zu hören. Wir sagen ihnen , was sie anziehen sollen – natürlich wollen wir nur das Beste für unser Kind.

Ist das Beste immer meine Meinung?

Ist das Beste wirklich das, was ich ‚angeordnet‘ habe? Wovon ich überzeugt bin? Nur meine Meinung zählt?

Ist es wirklich das Beste für das Kind, wenn ich entscheide, wann es sich warm anziehen soll oder ist es das Beste für das Kind, wenn es das selber weiß?

Langfristig gesehen sicherlich zweitens.

Doch woher kommt dieses „Das Kind weiß nicht ob es eine Jacke braucht.“?

Wenn wir ein Kind bekommen, wird uns gesagt, dass wir diesem Kind viel Wärme geben sollen, mittels Körperkontakt, warmer Kleidung, Heizstrahler etc.

Das Neugeborene wird älter , erlangt die ‚Fähigkeit‘ seine Temperatur aufrecht zu halten doch wir machen weiter. Das Baby kann sich noch nicht alleine anziehen, daher entscheiden wir gleich mit was es anzieht. Das Baby wird zum Kleinkind, kann sich einige Kleidungsstücke schon allein anziehen und tut seinen Willen kund.

Doch wir machen weiter.

Wir übergehen das Temperaturempfinden unserer Kinder, weil wir der Meinung sind, dass unser Kind eine Jacke braucht, weil uns selbst ja auch kalt ist. 

Würdest du…?

Würdest du deinem Partner sagen, was er anziehen soll?
Würdest du deiner Mutter sagen, was sie anziehen soll?
Würdest du deinem Chef sagen, was er/sie anziehen soll?

Nein? Wieso nicht? Weil er/sie erwachsen ist?

Wieso glauben wir, dass ein ‚richtiger‘ Mensch erst mit 18+ Jahren zu allem eine eigene Meinung und eine eigene Wahrnehmung haben kann?

Mehr Vertrauen schafft auch Selbstvertrauen

Vertraut euren Kindern mehr, denn genau dieses Vertrauen , was ihr euren Kindern entgegenbringt , wirkt sich auf deren Selbstvertrauen aus.

Sie wissen selbst wann ihnen zu kalt und wann zu warm ist. Sie wissen, ob ein dicker Pullover reicht, oder sie doch noch eine Jacke anziehen möchten.
Sie wissen, ob es sinnvoll ist in FlipFlops raus in den Schnee zu gehen oder ob die Füße in Socken und Schuhen doch besser aufgehoben sind.

Und wenn sie es noch nicht wissen, dann nicht, weil sie dafür zu klein sind, sondern weil sie die nötigen Erfahrungen noch nicht sammeln durften.

Woher soll das Kind wissen, dass der erste Schnee, den es gerade zu Gesicht bekommt, kalt ist? Es kannte bisher nur den schön warmen Sommer, den etwas kühleren Herbst und plötzlich liegt vor ihm wunderschöner, weißer Schnee.

Natürlich könnten wir sagen, dass der Schnee kalt ist, und das Kind sich doch etwas wärmer anziehen könnte.

Doch, was wäre, wenn der Schnee warm wäre? Woher soll das Kind wissen, dass der Schnee kalt ist, und der Wind und die allgemeine Jahreszeit komplett anders ist?

Woher wissen wir das überhaupt? Aus Geschichten? Aus Erzählungen?

Nein! Aus Erfahrung! Jahrelanger Erfahrung!

Wir durften jahrzehntelang immer und immer wieder den Schnee, die Kälte, die Wärme, die Hitze, den Wind und was weiß ich nicht noch alles, erfahren. Und wir lernen immer wieder dazu – denn es ist November und trotzdem kann ich an einigen Tagen nur in Pullover raus , das ist nicht jedes Jahr möglich.

Erfahrungen zu machen ist wichtig – und frieren mag für einige wohl ziemlich negativ sein. Doch gebt euren Kindern die Möglichkeit auch mal Kälte spüren zu dürfen. (Natürlich nicht mit den Worten „Hab ich dir doch gesagt nänänä *augenroll* *Kind in die Wohnung zieh*„)

Wenn sie es noch nicht wissen – dann, weil sie es noch lernen werden.

Jeder ist anders

Der Mensch ist ein Individuum. Jeder Mensch hat ein anderes Temperaturempfinden.
Wenn mir kalt ist, ist jemand anderem vielleicht gerade ziemlich warm.

Gestehen wir auch unseren Kindern ein, dass ihnen nicht unbedingt kalt ist, nur weil uns kalt ist.

Was kann ich machen, damit ich meinem Kind vertraue?

  • es fragen ob es eine Jacke anziehen möchte.-> wenn ja: super.
    -> wenn nein: auch super, dann einfach die Jacke mitnehmen und ab und an nachfragen.
  • dem Kind eingestehen, dass es ein eigenes Bauchgefühl und Temperaturempfinden hat.
  • selbst ausprobieren ob auch für Dich eine Jacke überhaupt nötig ist oder ein dicker Pullover reichen würde.
  • sich bewusst machen, dass durch Kälte (nicht Stundenlange!) ein Mensch nicht (!) krank wird – es sei denn, ein Virus ist schon im Körper, aber dann wäre der Mensch so oder so krank geworden und es war ein großer Zufall 😉

Hört ihr auf euer Bauchgefühl? Oder zieht ihr euch immer nach den Temperaturen an? Wie viele Klamotten sind denn im Winter ‚richtig‘?

Lasst eure Kinder selbst erfahren wie viel oder wenig sie anziehen müssen, damit sie sich wohlfühlen.

Und noch etwas sehr wichtiges, da ich es in den letzten Tagen beobachtet habe: bitte, bitte zieht euch und euren Kindern keine dicken Jacken im Auto an – sollte etwas passieren (und es muss nicht eure Schuld sein!) , dann kann es schlimmstenfalls für euch und/oder eure Kinder tödlich enden. 

Eure Lisa

10 Kommentare

  1. Danke für deine Worte! Ich habe schon viel gelesen und du bist mir schon so vetraut „nur“ über die zeilen hier.
    Brauche dringen so eine Mama wie dich hier endlich bei mir!!
    Überzogen? vegetarisch bis Vegan? Da bin ich total bei dir, aber hier total der Alien!
    Ich schicke dir ganz liebe Grüße!
    Mach weiter so!

    1. Gibt hier auch nicht viele Menschen , die so leben wie ich. Habe aber das Glück eine sehr gute Freundin hier zu haben, die jedenfalls auch unerzogen lebt ❤️😊

  2. Hallo.
    Guter Text. Gefällt mir

    Jedoch der letzte Absatz ist etwas inkonkret bzgl Jacke im Auto. Wenn „etwas passiert „????

    Meinst einen Autounfall? Das der Gurt durch die dicke Jacke zu weit ist?

    Lg Bettina

    1. Hallo,
      der letzte Abschnitt enthält einen Link – dadurch sollte deine Frage geklärt sein.
      Der Sicherheitsgurt gibt keine Sicherheit mehr, wenn zu viel Spielraum durch eine relativ dicke Jacke entstanden ist.
      Und wenn dann etwas passiert – es muss kein Unfall sein, es reicht sicherlich schon eine starke (Voll)Bremsung – und das kann gravierende Folgen haben.

      LG Lisa

  3. Oh – und wer weiß es noch besser als die Mama? Die Bäckersfrau, die Omi auf der Straße und der Mann an der Ecke.
    Wie??? Das Kind hat bei 5 Grad keine Socken und Schuhe an? Sie gehen nur 30 Sekunden zum Böäcker um die Ecke? Aber das Kind hat doch garantiert eisekalte Füße *greifen ungefragt meinem 11.-monatigen Sohn an die Füße* Oh? Die sind ja warm?
    Ja, weil mein Sohn weiß, wann es zu kalt wird. Und ich weiß, wann es ihm zu kalt wird. In der warmen Bäckerei sicher nicht.

    Ich bin jemand, der manchmal viel zu viel mitschleppt, damit der Kleine sich das aususchen kann, was von der Temperatur her passt. Zwiebellook ist der Hit!
    Du willst bei 2 Grad keine Jacke? Ok, kommt sie halt in den Rucksack. Schuhe auch nicht? Ok, da ist ja noch Platz. *1min später und 20m vom Haus entfernt* Du willst Jacke und Schuhe? Na was ein Glück, dass sie da sind. Bitteschön.

    Und der Tipp mit dem: Mein Kind sieht soooo verfroren aus – ich zieh mir schnell nen Pulli über. – Der Tipp gefällt mir 🙂

    Zum Auto: Ich zieh auch für den 1minütigen Fußweg Jacke an und dann sofort wieder aus. Mir kommt nix dauniges ins Auto! Perfekt dafür: Fleeceanzüge oder ähnliches. halten warm und liegen eng an.

  4. Danke für den Artikel!!

    Meine Tochter (fast 2 J.) will schon seit ca. 6 Mon. keine Klamotten und Windeln mehr tragen, bis auf wenige Ausnahmen. Ich musste mir schon VIEL anhören. Denn ich weigere mich, nur deswegen uns in unserem Haus einzubunkern. Aber ich habe auch echt viele positive Kommentare bekommen fuer meinen Mut und meinen Respekt für mein Kind.

    Und sie ist, bis auf ab und zu mal ne Schnoddernase, kerngesund.

    Gestern stand sie in der Haustuer, setzte ihren Fuss immer wieder auf die nassen, kalten Steine und sagte „kalt, kalt!“. Wieder und wieder. Genau wie Du schreibst: unsere Kinder muessen und duerfen das selbst erleben, ohne unseren Filter. Wie sich „kalt“ anfuehlt, wie sich krank sein anfuehlt, wie man sich vor Kälte (und Erkältung) schützen kann, und so viel mehr.

    Ich selbst bin in vielem so weit weg von mir selbst, so vieles wurde mir abtrainiert. Auf meinen Körper zu hören, an mich und mein Gefühl zu glauben. Wann bin ich satt? Wann sollte ich mal wieder richtig gut zu mir sein? Wann verletzt jemand meine Seele oder meinen Körper und ich habe das Recht, mich zu schützen (statt mich ausnutzen und verletzen zu lassen)? Usw.

    Daher glaube ich daran, dass es bei uns als Kindern anfängt. Dass wir von unseren Eltern die Bestätigung bekommen, dass unser Gefühl für uns selbst in Ordnung und richtig und extrem wichtig ist. Kein anderer kann beurteilen oder bestimmen, wann mir etwas wehtut, wann mich etwas traurig macht, wann ich aufhören darf zu essen, wann mir warm oder kalt ist, wann wir müde sind und wann nicht.

  5. Hallo,
    der Beitrag ist nun etwas älter. Aber vielleicht kann mir ja jemand weiterhelfen. Ich seh das genauso. Mein Freund allerdings kann sich nicht so richtig frei machen davon und meine Tochter ist inzwischen vier und hat ganz genaue Vorstellungen von dem was sie anzieht. Das geht nun soweit, dass die Erwachsenen im Kindergarten uns sagen, dass sie wohl zu frisch angezogen ist, weil sie im Verlauf der Vormittags anfängt zu frieren. Meine Tochter hält sich aber nicht an die mit mir getroffene Abmachung, dass sie wenigstens im Kiga draußen einen Pullover unterzieht. D.h. sie friert täglich.. Natürlich können in solch Gruppen nicht für alle Kinder und Eventualitäten Klamotten mit rausgenommen werden – es gibt keinen eigenen Spielplatz, die Kinder gehen auf umliegende öffentliche Spielplätze.
    Außerdem führt das nun dazu, dass mein Freund noch eher der Meinung ist, das Anziehen gehört in unsere Hand.
    Was kann ich tun?

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