Mama auf Zeit? Wann muss ein Baby unabhängig werden? | Gastbeitrag Hanna von rubbelbatz.de

In den ersten Wochen und Monaten tun viele Eltern alles für ihr Kind– aber dann soll das Baby plötzlich am besten von heute auf morgen unabhängig werden: im eigenen Bett schlafen, alleine einschlafen, durchschlafen, alleine spielen, feste Nahrung zu sich nehmen, sich von Milch entwöhnen. Viele dieser Dinge schaffen vor allem eins: Distanz zwischen Mutter und Kind. Sie sollen sich an den Kinderwagen gewöhnen, ans eigene Bettchen, den Laufstall, Schnuller oder Fläschchen.

Mütterliche Wünsche vs. Baby’s Grundbedürfnisse?

Ich kenne z.B. viele Mütter die zwar die ersten Monate leidenschaftlich gestillt haben – weil es ja das Beste für’s Kind ist -, wollen dann aber, dass das Baby so schnell wie möglich selbst isst. Zuerst wird es langsam an Brei gewöhnt und dann sollen schrittweise ganze Mahlzeiten ersetzt werden. Dieser Prozess führt langsam aber sicher dazu, dass die Brust weniger Milch produziert und, wenn das Baby ein williger Esser ist, gibt es über kurz oder lang gar keine Muttermilch mehr. Ersatzlos gestrichen. Statt inniger Nähe an der Brust gibt es künftig den Hochstuhl und den Plastiklöffel. Statt Mama rund um die Uhr kann jetzt jeder die Betreuung und Fütterung übernehmen. Die Mutter hat „ihr Leben zurück“.

Warum machen das so viele? Hat eine Mutter ein Recht, nach ein paar Monaten wieder unabhängig zu sein, Freundinnen zu treffen, shoppen zu gehen? Ich finde nicht. Zumindest nicht, wenn das auf Kosten des Babys geht. Denn das Baby hat sich nicht entschieden, zur Welt zu kommen, wir haben das! Deshalb ‚muss‘ es auch nicht Dinge lernen, für die es eigentlich noch nicht bereit ist. Es ist nicht die Pflicht des Babys, die Mutter schnellstmöglich in Ruhe zu lassen und allein zurecht zu kommen. Es ist die Pflicht der Mutter, sich so lange um das Kleine zu kümmern, bis sie weniger gebraucht wird. Wer nach ein paar Monaten wieder in Ruhe seinem Alltag nachgehen möchte, der sollte bitte nicht schwanger werden, sondern sich einen Hundewelpen zulegen. Bei denen ist die Erziehungsphase schnell rum.

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An alle Mütter, die sich jetzt getriggert fühlen: ja, natürlich hat die Mutter auch Bedürfnisse und es ist wichtig, dass es ihr auch gut geht. Aber ich finde, dass das auch möglich ist, ohne dem Baby dabei etwas aufzuzwingen. Warum kann man sich nicht mal Zeit für sich nehmen, obwohl man stillt? Oder Zeit zu zweit verleben, obwohl das Baby im Familienbett schläft? Ich sehe nicht, was dagegen spricht. Die andere Version ist nur der einfachere Weg. Für die Eltern.

Ein Beispiel: Abstillen

Heute in der Krabbelgruppe: Anke erzählt über ihren Sohn Marius (11 Monate, sitzt vor ihr). Sie müsse ihn immer noch stillen, damit er einschläft, aber da muss sich jetzt was ändern, das geht so nicht mehr. Sie werde jetzt abstillen. Ich frage mich warum. Nur, weil „das nicht mehr so geht“? Ich frage nicht nach, denn die Meinung scheint so fest zu sein, sie sich so richtig in ihrer Ansicht zu fühlen, dass man da etwas ändern müsse. Aber ich für mich frage mich, warum. Warum darf Marius nicht weiter jeden Abend zum Bettgehen diese wunderbare Nähe zu seiner Mutter genießen, die er offensichtlich nach wie vor braucht? Warum „muss“ er mit einem bestimmten Alter das nicht mehr brauchen?

Weil sich das Kind dann an die Nähe und Geborgenheit gewöhnt? Was ist denn so schlimm daran, wenn sich das Baby regelmäßig so wohl fühlt? Warum darf ein Kind sich nicht an viel Nähe und Liebe gewöhnen? Weil es „verweichlicht“ und „verwöhnt“ wird? Das sind leider Argumente, die aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges stammen. (vgl. http://rubbelbatz.de/johanna-haarer-und-nazis-sollen-mich-und-mein-baby-in-ruhe-lassen/). Tatsächlich weiß man in der Psychologie von heute, dass ein Kind, das sicher gebunden aufwächst, dessen Bedürfnisse respektiert und in ausgewogenem Maße erfüllt werden, später umso unabhängiger und selbstbewusster wird. In dem Wissen, dass die Eltern es lieben und es dort alles an Wärme, Liebe und Schutz bekommt, das es braucht, kann ein Kind sich ohne Angst und Scheu aufmachen, die Welt zu erkunden. Denn das wollen die Kleinen: unabhängig werden, lernen, erfahren. Kein Kind möchte auf unbestimmte Zeit an der Brust der Mutter hängen, im Elternbett schlafen und getragen werden. Es gibt für alles den Zeitpunkt, an dem sie selbst machen wollen. Dazu müssen wir nichts unternehmen, ihnen nichts beibringen, es passiert von ganz alleine. Eines Tages werden sie sogar so selbständig sein, dass sie ausziehen und ein eigenes Leben beginnen. Und dann werden wir uns schmerzlich die Zeit zurücksehnen, in der sie unsere Nähe so sehr gebraucht und gewollt haben. Ich persönlich würde mir die Frage stellen, warum ich sie vorzeitig dazu gebracht habe, diese Nähe aufzugeben.

Natürlich werden jetzt viele Argumente vorbringen, warum es reicht, 6 Monate zu stillen. Dass danach die Milch ohnehin nicht mehr ausreicht, um das Kind satt zu bekommen. Dass ein Kind dann zusätzliches Eisen braucht, dass sich die Zähne verformen, wenn man zu lange stillt und so weiter. Tatsächlich sind all diese „Argumente“ leicht zu entkräften. Ein Menschenbaby ist ein Säuger, bei dem der Sauginstinkt nicht nach ein paar Monaten verschwindet, sondern die ersten paar Lebensjahre anhält. Es scheint also von der Natur so vorgesehen zu sein, dass das Kind länger als ein paar Monate gestillt wird. (http://www.stillkinder.de/haeufige-fragen-zum-langzeitstillen/) Auch die WHO empfiehlt, für 2 Jahre und drüber hinaus zu stillen – die ersten 6 Monate davon voll.

Für das frühzeitige Abstillen – und damit meine ich alles, was im ersten Lebensjahr des Babys passiert, wo es ja noch hauptsächlich von Milch leben soll – gibt es meiner Meinung nach vor allem zwei Gründe: Egoismus und die Gesellschaft. Also zum einen das Bedürfnis der Mutter, unabhängiger zu sein, das über die Grundbedürfnisse des Kindes gestellt wird, und zum anderen die Tatsache, dass man überall hört und sieht, wie andere Mütter das so machen. Die Angst, schief angeschaut zu werden, wenn man tatsächlich 2 Jahre lang stillt.

Intuitive Elternschaft

Deshalb möchte ich heute ein Plädoyer aussprechen für das, was ich Intuitive Elternschaft nenne. Bitte, liebe Eltern, hört auf, Dinge zu tun, weil sie eben so gemacht wurden, weil ihr sie so vorgelebt bekommen habt, weil ihr das Gefühl habt, irgendjemand erwartet das so von euch. Eigentlich hat uns die Natur fast alles, was wir brauchen, um gute Eltern zu sein, mitgegeben: unsere Intuition. Wer anfängt, darauf zu hören, statt auf ältere Generationen, unser Umfeld, Erziehungsratgeber usw., dem werden viele Entscheidungen, die er bisher einfach so hingenommen hat, nahezu grotesk erscheinen. Der wird sehen, dass es eigentlich keinen Grund gibt, seinem Kind irgendetwas an Geborgenheit und Nähe zu verweigern, das es sich wünscht.

   

3 Kommentare

  1. Danke für diesen Artikel. Er ist wunderschön geschrieben und beinhaltet so viel Wahres. Meine Tochter ist mittlerweile schon 14 Monate alt und auch ich muss mich hin und wieder, seit ungefähr ihrem 8 Lebensmonat rechtfertigen, warum ich Dinge, die in Liebe und Würde meinem Kind gegenüber geschehen, tue. Sei es das Stillen, das Familienbett etc..

    1. Danke für deine ehrlichen Worte, ich stecke in derselben Situation. Sich andauernd rechtfertigen, erklären, sich abgrenzen…das kostet viel Energie. Dennoch ist es so wichtig, dass wir dran bleiben, „unseren“ Weg zu gehen, um zu Vorbildern für andere (kommende Generationen) zu werden. Wenn sich viel mehr Menschen trauen, auf ihre Intuition zu hören und das zu leben, können wir damit sicherlich einige schon dazu anregen, über ihre bisherigen Denkmuster nachzudenken.

  2. Dein Text spricht mir aus dem Herzen! Vor allem, dass du so unverblümt auf den mütterlichen Egoismus hinweist, finde ich toll! Und sehr mutig! Denn zu sagen, die Mutter solle für ihre Kinder ihre Unabhängigkeit einschränken, widerspricht unserem Zeitgeist nach individueller Selbstverwirklichung als wichtigstes Gut und ruft schon fast reflexhaft empörte Widerrede hervor und den Vorwurf, man sei wohl ewig-gestrig und unemanzipiert (so meine Erfahrung). Schön, dass es auch noch Mütter gibt, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und kein Blatt vor den Mund nehmen! Danke für deine mutmachenden Zeilen!

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