Ich – einfach alleinerziehend. | Gastbeitrag

Als bei meiner Frau vor knapp zwei Jahren Krebs diagnostiziert wurde, brach unsere heile Welt komplett zusammen.
Schon während der Zeit der Krebstherapie mit Operationen, Chemo, Bestrahlung, den ganzen Komplikationen war es an mir alles zu organisieren. Haushalt, Kind, Arbeit, Fahrten zum Krankenhaus und Ärzten.

Ich bin 42 Jahre alt, Krankenpfleger von Beruf, arbeite in einem Krankenhaus. Schichtdienst sowie Wochenenddienst werden von uns eigentlich als normal angesehen. Dank meiner Kollegen und dem Wohlwollen meines direkten Vorgesetzten konnte ich in dieser schweren Zeit meine Dienste etwas flexibler gestalten. Vollzeitarbeit wurde schnell zu einem utopischen Unterfangen.

Was konnte ich nur tun?
Ein wenig Internetrecherche brachte die Möglichkeit der Familienpflegezeit ans Licht. Zwar war eine wöchentliche Arbeitszeit von gut 19 Stunden nötig, aber diese konnte ich dann so legen, dass trotzdem immer jemand bei meiner Frau und meinem Töchterlein (damals knapp 7 Jahre alt) war und die Pflege und Betreuung übernahm.

Meine Frau ist mittlerweile an ihrem Krebsleiden verstorben. Rückblickend bin ich meinen Aufgaben stets nur hinterher gelaufen. Kaum hatte ich einen Erfolg zu verzeichnen, tauchten schon zwei weitere Probleme auf. Es war nie leicht. Ein Tag ist einfach zu kurz um sich um alles angemessen zu kümmern…

Heute läuft ein normaler Tag immer nach dem gleichen Schema ab. Aufstehen, Frühstück richten, Kind zur Schule bringen. Dann gehe ich zur Arbeit, danach hole ich meine Tochter wieder von der OGS (offene Ganztagesschule) ab. Manchmal müssen ein paar Sachen eingekauft werden. Die Infrastruktur ist hier so gut, dass alles zu Fuß erreichbar ist und ein Kaufladen quasi auf dem Heimweg liegt. Was es zum Abendbrot gibt entscheide ich meist spontan. Wenn ich keine Lust oder keine Zeit zum Kochen habe, wird schnell ein Salat gezaubert oder es gibt einfach Brotzeit. Da das Kind schon in der OGS ein warmes Mittagessen hatte finde ich das gar nicht schlimm.
Auch fordert das Kind natürlich ihre Zeit mit mir ein. Es wird also gespielt oder ein Film geguckt.

Trauerverarbeitung? Weder das Kind noch ich hatten bisher wirklich Zeit dazu. Wir befinden uns in einem Hamsterrad, das einen steilen Berg hinab rollt. Fatalerweise bietet mir dieses Hamsterrad Sicherheit. Solange ich mich darin befinde, läuft alles. Vielleicht auch nur weil es laufen muss. Ich habe Angst davor, aus diesem Hamsterrad auszubrechen, weil ich nicht weiß was dann passiert. Meine Familie und Freunde sagen immer: Denk mal an Dich. Das bedeutet aber, dass ich dann jemanden enttäuschen muss. Mein Kind, wenn ich einmal nicht mit ihr spielen will. Meine Arbeitskollegen, wenn ich einmal nicht einspringen kann. Meine Freunde, wenn ich einmal nicht zu Besuch komme. Auch mich selbst, wenn ich den Haushalt mal liegen lasse. Und das ist etwas, was ich echt nicht ausstehen kann.

Wir sind vor einem knappen halben Jahr umgezogen. Noch nicht alle Kartons sind ausgepackt. Teils weil die Zeit fehlt, teils weil die Kraft dazu fehlt…
Es ist verdammt schwer dieses Hamsterrad anzuhalten. Es ist fast wie ein Paralleluniversum. Obwohl in beiden Universen die Zeit gleichschnell abläuft, kommt man innerhalb ‚meines‘ Universums immer wieder an den selben Punkten vorbei. Schmerz und Trauer. Da darf ich mich aber nicht zulange aufhalten. Also weiter. Funktionieren! Gut. Etwas ruhe. Schmerz, Trauer. Weiter! Funktionieren! Ein Teufelskreis.

Vor den Wochenenddiensten bin ich meist noch verschont, doch die Anfrage kommt immer häufiger. ‚Das Kind wird ja größer‘ so der Tenor. Ich musste die Station wechseln, da das Arbeitszeitmodell das ich anbieten kann nicht zu den Modellen meiner ursprünglichen Station passte. Auf der neuen Station kann ich wochentags von 7:30 Uhr bis 15:20 Uhr arbeiten. Da die OGS früh erst um 7:30 Uhr aufmacht komme ich überwiegend zu spät, aber da meine Arbeitsstelle genau gegenüber der Schule liegt, sind das nur wenige Minuten. Montag bis Donnerstag habe ich Zeit bis 16 Uhr, bis ich mein Kind abgeholt haben muss, an diesen Tagen kann ich auch länger bleiben. Pünktlich Feierabend ist in meinem Beruf eh selten. Das einzige Problem ist der Freitag. Auch da muss ich bis 15:20 Uhr arbeiten, die OGS hat aber nur verkürzt bis 15 Uhr geöffnet. Inzwischen hat es sich dahingehend gefestigt, dass Freitags eine gute Freundin mein Kind in Empfang nimmt.

Im 75%-Teilzeit-Vertrag kommt es auch mal vor, dass ich unter der Woche frei habe. Das tut mir gut, das Hamsterrad läuft etwas langsamer. Meistens werden dann Dinge erledigt, die sonst liegen bleiben. Oft kommt es vor dass ich kurz was mache – wie den Abwasch zum Beispiel – dann brauche ich eine Pause. So alltägliche Sachen können teilweise sehr viel Kraft rauben.
Die Arbeitszeitverkürzung und die Tatsache dass ich nur in der Kernarbeitszeit tätig bin bringt natürlich auch finanzielle Einschnitte mit sich. Gerne würde ich mehr arbeiten. Aber nicht auf Kosten meines Kindes. Kein Geld der Welt kann mir die Zeit mit meinem Kind ersetzen.

Wie also meistert man in einer solchen Situation den Alltag?
Ich habe das nur durch setzen von Prioritäten geschafft. Für mich kommt mein Kind an erster Stelle, alles weitere ist nicht wichtig. Daraus mache ich auch meinen Vorgesetzten gegenüber keinen Hehl. Wenn mein Kind nicht betreut ist, kann ich nicht arbeiten gehen.

Tom

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