„Kein Mitleid! Die trotzt nur!“

Wir waren im Zoo.
Ihr kennt das sicherlich – es war brechend voll, über all waren gestresste, meckernde Eltern und weinende Kinder und plötzlich geht es eigentlich nicht mehr um den Familienspaß und dass die Kinder den Zoo-Tag genießen können, toben können und einfach mal Kind-sein können, sondern es muss nach striktem Plan laufen , der so aussieht:

Tiere angucken – aber bitte nicht zu lange an einem Gehege stehen bleiben. 
Spielplatz , ja – aber bitte nur so lange , bis wir (Eltern) wieder Tiere angucken wollen. 

Puh, ich will ja nicht behaupten, dass ich die entspannteste Mutter der Welt bin, wenn ich eine drei-jährige übermüdete Tochter vor mir habe, die nur noch am schreien ist, weil sie gerade etwas möchte, was so gerade nicht geht.

Aber als ich ein kleines Mädchen, etwa im selben Alter wie meine Große, alleine auf dem Boden weinen gesehen habe und sich niemand drum scherte und ich sie also ansprach : „Wo ist denn deine Mama und dein Papa?“ , da kam dann direkt (und damit meine ich wirklich direkt, wie ein Löwe aus dem Savannengras gehüpft) der Vater des Kindes – natürlich ganz lässig und meeeega cool – mit den Worten:

Bloß kein Mitleid! 
Die will bloß …. (hab ich nicht genau verstanden) , die ist in der Trotzphase.“

Da wollte mir also ein Papa ganz lässig und cool sagen, dass seine Tochter, die weinend auf dem Boden sitzt, keine Empathie von anderen Menschen zu erfahren hat, weil sie seiner Meinung nach einfach nur trotzt und sich nicht seinem Willen beugen wollte!?

Und da frage ich mich, wie aus einem kleinen Menschen ein empathiefähiger Erwachsener werden kann, wenn es keine Empathie erfahren darf. Wenn man direkt angefahren wird, dass man bloß kein Mitleid haben darf – zumal dieses kleine Kind wirklich alleine dort saß und es ja auch einfach hätte sein können, dass sie ihre Eltern verloren hat.

Ich möchte hier nicht nur darauf aufmerksam machen, dass ihr aufmerksamer durch das Leben gehen solltet – viele Menschen haben das Kind dort auf dem Boden sitzen sehen und keiner ist auf die Idee gekommen mal zu fragen ob etwas passiert ist – sondern auch darauf, wie ihr über euer Kind denkt.

Es muss schrecklich sein, wenn man seinen Willen hat, diesen nicht bekommen kann/darf (und es ging hier nur um ein Kleidungsstück was an/ausgezogen werden wollte!) und dann auch noch allein gelassen wird und es als ‚trotzen‘ abgestempelt wird.

Ich kann absolut jedes Elternteil verstehen, der nicht immer die Nerven hat um sich kurz mal zu besinnen und drüber nachzudenken ob das ‚Nein‘ wirklich gerade sein muss – aber das Kind in seiner Not alleine zu lassen und es auch noch insgeheim ins lächerliche zu ziehen und es nicht ernst zu nehmen, nur weil es für das Elternteil nichts wichtiges ist , empfinde ich als … einfach scheiße finde ich das, um es mal auf den Punkt zu bringen.

 

Es gibt keine Trotzphase

Als ich dieses Wort schon hörte -Trotzphase- da schlackerten schon meine Ohren – ich bin dann allerdings nur wütend und traurig zu meinen Kindern abgedampft.

Traurig, weil mir das kleine Kind furchtbar leid tat, denn es hat gehört was ihr Vater gerade zu mir sagte. Traurig, weil ihr nicht geholfen wurde, sie nicht getröstet wurde und beim Wüten allein gelassen wurde. (Klar, ‚alleine‘ war sie nicht. Für mich als Außenstehende, die nicht wusste wer zu wem gehörte, war absolut nicht ersichtlich, dass der Mann, der 15m entfernt stand, zu dem Kind gehörte – und ‚alleine‘, weil sie nicht begleitet wurde sondern wie beim ferbern ‚muss das Kind lernen/sich alleine regulieren’… )

Wütend, weil ich es absolut dreist finde, vor dem Kind (oder auch in Abwesenheit des Kindes) so über diesen Menschen zu sprechen. Das ist wie Lästern – nur dass die Person ‚mit im Kreis steht‘.
Wütend, weil der Vater nicht mal versucht hat sein Kind zu verstehen, sondern nur seinen eigenen Willen sehen konnte und nicht sein Kind, welches seinen eigenen Willen hat.

Ein Kind kommt in die Autonomiephase – gerne ja auch Trotzphase genannt, weil das Kind dann seinen eigenen Willen entwickelt und eben diesen auch durchbringen möchte.

Was mir hier bei einfällt, ist, dass Eltern ihren Willen durchsetzen wollen, weil sie es können. Weil deren Eltern es auch schon so bei ihnen gemacht haben. Egal ob es Sinn gemacht hat (weil Gefahr bestand) oder nicht (was in den meisten Fällen so ist).

Die Autonomiephase ist ein riesen Schritt in die Selbständigkeit – Selbstständig bedeutet nicht alleine, oder das jemand es auch sofort kann, z.B. anziehen, Fahrrad fahren etc.

„Ich bebab“, sagt meine fast zweijährige sehr oft. Heißt: “ Ich selber“.

Doch oft klappt es doch nicht ohne Hilfe und dann zerbricht die Vorstellungsblase und Gefühle von Wut und Trauer überkommen diesen kleinen Körper. „Neeeein! Ich bebab!!!!!!“ – und jetzt kommt der Punkt, an dem viele sagen würden, dass meine Tochter trotzt.

Wie kann man bloß so bockig sein und sich nicht helfen lassen?“ – ich hab da so eine Stimme im Kopf, die mir das früher immer gesagt hat 😉

Es ist nicht trotzig, dass meine Tochter etwas selbstständig schaffen möchte. Sie möchte es lernen. Sie möchte es schaffen. Und seien wir mal ehrlich: wenn wir etwas machen wollen, versuchen wir es auch so lange selbst, bis wir einsehen, dass wir Hilfe brauchen. Und das ist ja auch genau richtig so! Würden wir direkt beim ersten Problem immer direkt nach Hilfe fragen, dann würden wir uns nie weiter entwickeln, dann würden wir nie lernen.

Wir würden nie ’selbstständig‘ werden. Nie unseren Willen alleine bekommen können, weil wir dazu andere Menschen bräuchten.

Ich sehe die Autonomiephase als eine absolute Bereicherung – ja, es ist oft verdammt anstrengend, aber ich freue mich auch jedes Mal, wie gut meine Kinder sich selbst kennen und wie sehr ich ihnen vertrauen kann – das wäre definitiv nicht so, wenn ich aus ‚trotz‘ einfach nur nein gesagt hätte.

Ein schreiendes, tobendes Kind, welches seinen Willen durchsetzen will, kämpft. Für seinen Willen. Dafür, dass es ernst genommen wird. Das sein Wille ernst genommen wird. Es respektiert wird. Es eine eigene Meinung haben darf. Und da darf es auch mal laut werden – denn, wenn wir schon ein laut schreiendes Kind nicht ernst nehmen können, was soll es dann machen, damit wir es tun..?

Und zu guter Letzt:

„Reagiere auf deine Kinder stets liebevoll,
in ihren schlimmsten Momenten,
in ihren freudlosen Momenten,
in ihren mürrischen Momenten,
in ihren egoistischen Momenten,
in ihren frustrierten Momenten,
in ihren einsamen Momenten,
in ihren unangenehmsten Momenten,

… denn genau in solchen 
weniger liebenswerten
menschlichen Momenten 
brauchen sie das Gefühl,
geliebt zu werden,
am meisten.

– L.R. Knost

3 Kommentare

  1. MamaBear_mit_BabyBear

    Wieder mal gut auf den Punkt gebracht 👍🏻 Der Lieblingssatz von BabyBear lautet: ich ‚leine! (Ich alleine): Die Tür öffnen, wenn es klingelt, mir den Toilettendeckel öffnen usw. Wie oft mußte der Paketbote vor der Tür warten oder ich vor der Toilette (gehe jetzt immer zeitiger aufs Örtchen, um die Wartezeit mit einzuplanen😉) aber diese glückliche Ausstrahlung ist es wert.
    Davon mal abgesehen: Wieviele Menschen sind bei der Bestellung bei Burger King, McDonalds, Eisladen überfordert – Klamottenkauf! Erwachsene! Warum sollte so ein Neuling in dieser Welt immer alles wissen müssen und sich immer so entscheiden müssen wie wir es brauchen. Ist wohl ein bißchen viel verlangt von den süßen Zwergen

  2. Was viele vergessen, Schreien und Toben ist nicht immer Ausdruck von Wut. Es kann genauso gut Verzweiflung, Trauer oder Angst sein, alles sehr heftige Gefühle und die brechen einfach auf diese unglaublich starke und für uns Erwachsene ungewohnte Art aus ihnen heraus. Ich habe das Thema auch gerade in meinem Podcast.
    Bei uns ist es witzigerweise anderes herum, sie verlangt nicht, etwas selbst machen zu wollen, sondern holt uns, wenn sie Hilfe will „Mama helfen“.
    Dem Vater, den Du da im Zoo erlebt hast, wird letztendlich das tun, was er während seiner Sozialisation erlebt hat. Das Schlimme ist einfach, dass oft über das Erlebte nicht reflektiert wird und sich gesagt wird „Ach, wird schon nicht schaden, aus mir ist auch was geworden.“ Was auch immer dieses „was“ sein mag.

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