Mit dem kranken Kind zum Arzt | Gastbeitrag von einer Ärztin und Mutter

Hallo, ich bin Mareile, Mama und Ärztin in einer Hausarztpraxis. Lisa hat mich eingeladen einen Gastbeitrag auf ihrem Blog zu schreiben- vielen Dank für diese Möglichkeit!

Mit dem kranken Kind zum Arzt

Welche Mutter kennt das nicht? Das Kind kränkelt schon seit ein paar Tagen vor sich hin, die letzte Nacht war dann die totale Katastrophe, alle haben kaum geschlafen, es wurde viel geweint und getragen und am nächsten Morgen sind alle so fix und fertig, dass fest steht so kann es nicht weiter gehen, wir müssen zum Arzt. 

Kurz angerufen- für heute natürlich kein Termin mehr frei, also hinfahren und Wartezeit mitbringen. Das fiebernde Kind ins Auto verfrachtet und in die volle Praxis- im Wartezimmer ist es eng und laut, die ohnehin schon angespannten Nerven werden vom Warten noch weiter strapaziert. Bis man an der Reihe ist, hat das Kind die Nase voll und Mama ist eigentlich schon so mit kuscheln und trösten ausgelastet, dass der Bericht an den Arzt eher nebenher erfolgt, die Untersuchung dann unter viel Geschrei und Protest, die Mutter schwitzt und schwankt zwischen Mitleid fürs Kind und Scham über das vermeintlich „schlechte Benehmen“ des Kindes. 

Am Ende noch schnell mit den Rezepten in die Apotheke, nur um Zuhause festzustellen, dass man dem Kind jetzt mehrere Tage lang irgendein Zeug dreimal täglich eingeben soll, das es schon bei der ersten Gabe wieder ausspuckt und überhaupt hat man vergessen nach einer Bescheinigung für den Arbeitgeber zu fragen und was man tun soll wenn es in der nächsten Nacht wieder so schlimm wird wie in der davor…. Muss das sein?

Was können wir tun um die Situation „krankes Kind beim Arzt“ zu entspannen?

Punkt 1: Beginnt lange bevor unser Kind krank wird- die Wahl des „richtigen“ Arztes! 

Am besten sucht man sich einen Arzt der einem selbst und dem Kind sympathisch ist und wertschätzend und achtsam mit Eltern und Kind umgeht. Außerdem sollte man sich fachlich gut aufgehoben fühlen, möglichst keine allzu weite Anfahrt haben und optimal sind Praxen in denen auch telefonische Beratung und zur Not Hausbesuche angeboten werden. Das kann den ein- oder anderen Praxisbesuch ganz überflüssig machen. Ich persönlich finde auch die Mitbetreuung der Kinder in der Hausarztpraxis der Eltern gut (klar- so machen wir es bei uns in der Praxis…) denn dann gibt es die Möglichkeit, dass die Kinder die Eltern beim Arztbesuch begleiten können ohne, dass es um sie selber geht und sie können den Arzt erstmal in Ruhe kennen lernen und Ängste abbauen.

Punkt 2: Das Kind in unserem Beispiel kränkelt schon seit ein paar Tagen- wieso nicht gleich einen Termin vereinbaren? 

Wenn die Krankheit sich in 2 Tagen als nicht so schlimm heraus stellt, kann man den Termin ja schnell und unkompliziert telefonisch wieder absagen! Sollte sich die Krankheit aber verschlimmern hat man den Termin schon vereinbart, hat weniger Wartezeit und konnte vielleicht sogar auf den Rhythmus des Kindes (Schlafzeiten!) Rücksicht nehmen.

Punkt 3: Was verspreche ich mir vom Arztbesuch? Was möchte ich klären? Geht es um eine Bescheinigung für den Arbeitgeber, dass das Kind krank ist? Fehlen Medikamente? Bin ich unsicher ob die Erkrankung weiter mit Hausmitteln zu behandeln ist oder stärkere Medikamente eingesetzt werden müssen? Ob mein Kind in die Betreuung gehen kann? Brauche ich Tipps für den Fall, dass sich der Zustand verschlechtert? 

Viele Fragen können schon mit einem Telefonat mit dem Arzt geklärt werden oder Rezepte können unter Umständen von der Praxis an die Apotheke gefaxt und von dieser evtl sogar nach Hause geliefert werden! Also am besten schon am Telefon den Sprechstundenhilfen genau sagen worum es einem geht und was man gerne hätte! Oft ist es möglich, dass der Arzt am Ende der Sprechstunde zurück ruft und die Fragen telefonisch klärt.

Punkt 4: Mit dem gesunden Kind üben- einen Arztkoffer sollte jedes Kind zuhause haben! Dann kann man spielerisch üben „Ahhhhhh“ zu sagen, abzuhören und in die Ohren zu schauen. Die Mama beim Kind, das Kind bei der Mama, zusammen beim Teddy- Übung macht den Meister und baut Ängste ab!

Punkt 5: Positiv über den Arzt sprechen! 

Die Formulierung: „Wenn es Morgen nicht besser ist, müssen wir zum Arzt“ erzeugt unnötig Druck und stellte den Arzt als etwas Negatives dar! Besser könnte man sagen „Wir bitten den Arzt uns zu helfen.“ oder „der Arzt untersucht dich um einen Weg zu finden, dass du schnell wieder gesund wirst.“ Auch „Wenn du deine Medikamente nicht nimmst, musst du ins Krankenhaus/bekommst du eine Spritze!“ sind ungeeignete Aussagen- da sie Krankenhaus oder Spritze als unangenehme Strafe dastehen lassen! Sollte dann tatsächlich mal eine Spritze oder ein Krankenhausaufenthalt notwendig sein, braucht man nicht verwundert sein, wenn das Kind Angst davor hat!

Punkt 6: Vorbereitung ist Alles!!! Die Situation beim Arzt ist Stress für Mutter und Kind- da vergisst man leicht das Eine oder Andere! 

Einfach Notizen machen- dann kann man im Behandlungszimmer ganz für sein Kind da sein und muss nicht überlegen ob man irgendetwas Wichtiges vergessen hat zu fragen! Stichpunktartig den Verlauf der Erkrankung aufschreiben, was man selber schon unternommen hat, Sorgen und Fragen die man hat, eine Liste mit Medikamenten oder Überweisungen die man braucht!


Punkt 7: Sagen worum es geht!! So wichtig und gar nicht selbstverständlich! 

Ich will gar nicht wissen, wie viele Patienten bei mir mit einem Rezept für ein Medikament raus gehen, dass sie nie einnehmen werden, weil sie eigentlich keine Medis nehmen wollen sondern nur eine Krankschreibung brauchten… Ganz ehrlich- das ist okay!!! Nur sagt es dem Arzt!! Der kann nicht hellsehen 😉 

Wenn man also mit seinem Kind zum Arzt geht weil es hustet und es schon einmal eine Lungenentzündung hatte und man nur wissen will „sind die Bronchien frei?“ und das Kind eh keinen Hustensaft nimmt und ansonsten auch nicht doll krank ist sondern man eben nur diese eine Frage klären will- dann ist es ok dem Arzt das ganz genau so zu sagen!!! 

Und sobald der Arzt gesagt hat „alles frei!“ zu sagen- „ok, Dankeschön, das ist alles was ich hören wollte, dann kommen wir alleine damit klar!“. Und auch wenn man dann nach 2 oder 3 Tagen nochmal hingeht um das Gleiche zu klären darf man dem Arzt sagen, dass dies nicht als Reklamation zu verstehen ist oder als Aufforderung „nun aber doch endlich was zu tun und gar ein Antibiotikum zu verschreiben“ sondern lediglich der Absicherung dienen soll weiter auf dem richtigen Wege zu sein.

Punkt 8: Jetzt wird’s wichtig! Begleitet euer Kind! Steht eurem Kind bei! Steht hinter eurem Kind! 

Es fühlt sich eh schon schlecht und wäre wahrscheinlich am liebsten zuhause im Bett an euch gekuschelt, in ruhiger Umgebung. Stattdessen sitzt es nun in der Praxis im grellen Licht und soll sich von einem fremden Menschen an den verschiedensten Stellen anfassen lassen- wovon die meisten auch noch weh tun oder die Untersuchungen zumindest unangenehm und kalt sind.

Die meisten Kinder bemühen sich wirklich zu kooperieren beim Arzt aber gerade wenn schon schlechte Erfahrungen gemacht wurden oder die Beschwerden sehr stark sind, sind die Kinder mit der Situation einfach überfordert. 

Und das weiß euer Arzt! Und er weiß auch, dass eure Kinder „sonst nicht so sind“ (Zumindest wenn ihr Punkt 1 umgesetzt habt…) also entspannt euch! Es ist ok wenn euer Kind weint! Und wenn es sich wehrt! Und wenn es „Nein“ sagt! Es ist ok! Und es ist wichtig, dass ihr für euer Kind da seid und es unterstützt und es tröstet und ihm sagt, dass diese Gefühle ok sind!!! 

Die meisten Untersuchungen lassen sich zur Not auch am weinenden Kind durchführen- es muss also gar nicht unbedingt „still“ sein dafür! Und die allermeisten Untersuchungen lassen sich auch problemlos auf dem Schoß der Eltern durchführen! Das solltet ihr unbedingt nutzen, denn der Körperkontakt gibt euren Kindern Sicherheit! Den meisten Kindern hilft außerdem Mitbestimmungsrecht- z.B. „Soll der Arzt zuerst in die Ohren schauen oder erst abhorchen?“, „Erst das rechte oder erst das linke Ohr?“- bietet den Vorteil, dass das Kind gefragt wurde aber nicht sofort die „Ja“ oder „Nein“ Auswahl da ist, bei der die meisten kleinen Patienten eher „Nein“ wählen (etwa wenn man sagt „der Arzt hört dich jetzt ab!“). 

 Grundsätzlich lege ich Wert darauf, dass auch beim Arzt die Grenzen der Kinder gewahrt werden! Ein ganz klares „Nein“ sollte aus meiner Sicht nicht übergangen werden (bis auf ganz wenige Indikationen bei denen es darum geht schwerste Gesundheitsschäden zu vermeiden)!  Die Kinder dann fest zu halten und Untersuchungen gegen ihren erklärten Willen durch zusetzen ist auf lange Sicht kontraproduktiv und verletzt die Grenzen der Kinder massiv. Hier ist es an den Eltern die Grenzen des Kindes zu schützen und gegebenenfalls einzuschreiten und die Interessen des Kindes zu schützen. 

In diesem Zusammenhang werden viele Eltern manipulativ oder Drohen ihren Kindern um sie zur Kooperation zu zwingen. Das sollte unbedingt vermieden werden! Die meisten Untersuchungen bekommt man mit Ruhe und gutem Zureden so über die Bühne, dass der Arzt sich ein Bild von der Schwere der Erkrankung machen kann ohne, dass das Kind zu irgendetwas gezwungen werden muss! 

Ansonsten ist es „das Problem des Arztes“ das Kind zum Mitmachen zu bewegen- eure Aufgabe besteht darin eurem Kind den Rücken zu stärken, es zu trösten und es zu begleiten! Wichtig: Mindestens so wichtig wie die Ergebnisse der körperlichen Untersuchung ist die „Anamnese“ also euer Bericht über den bisherigen Krankheitsverlauf, geäußerte Symptome, Höhe des Fiebers etc- wenn ihr da gründlich seid, ist es halb so schlimm wenn euer Kind sich mal nicht in die Ohren schauen oder abhören lassen möchte!!!

Punkt 9: Festhalten- gerade kleine Kinder müssen für manche Untersuchungen/Maßnahmen festgehalten werden! Nicht, um etwas gegen ihren Willen zu unternehmen, sondern damit sie sich nicht durch plötzliche Bewegungen verletzen oder wehtun können, beispielsweise beim Untersuchen der Ohren oder des Rachens. 

Hierfür bietet es sich an, dass die Mutter das Kind auf dem Schoß sitzen hat und mit einer Hand den Kopf des Kindes an der Stirn an ihre Brust drückt und mit der zweiten Hand den Oberkörper samt der Arme umarmt, so kann dem Kind nichts passieren und der Arzt kann untersuchen. Dabei kann man wunderbar den Kopf des Kindes küssen oder beruhigende Worte murmeln.

Punkt 10: Du kennst dein Kind am besten!

Gib die wichtigen Informationen an den Arzt weiter! Denk dir nicht im Stillen „das Medikament schluckt er sowieso nicht!“ sondern sag dem Arzt, dass dein Kind ungern Medikamente schluckt, dass das Medikament nicht bitter sein darf oder dass ein Bestimmtes sonst immer gut funktioniert hat! Auch wenn zB 3-malige Gabe am Tag ein Problem darstellt- fragt ruhig ob es Alternativen gibt! Oftmals gibt es die nämlich! Auch wenn der Arzt die Lage als nicht schlimm einschätzt und euer Bauchgefühl euch aber etwas anderes sagt oder ihr euch eine bestimmte Untersuchung zur Absicherung wünscht- sagt das!!!! Der Arzt kennt euer Kind nicht so gut wie ihr! Und wenn euer Gefühl euch sagt, dass es eurem Kind wirklich richtig schlecht geht- dann verleiht diesem Gefühl Nachdruck!

 So, das waren meine Gedanken zum „entspannteren Arztbesuch“. Vielleicht war ja auch für euch ein guter Anstoß dabei! 

Erzählt doch mal, wie ihr das so handhabt beim Arzt, was ihr für Tipps und Tricks auf Lager habt oder welche Punkte schwierig umzusetzen sind! Auch wenn ihr Wünsche habt für mehr Artikel von der Ärztin die auch Mama ist, dann freue ich mich sehr, wenn ihr einen Kommentar hinterlasst!

 

Liebe Grüße und vielleicht bis bald,

Mareile

 

 

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