„Du entschuldigst dich jetzt!“ Warum du aufhören solltest, dein Kind dazu zu zwingen

„Du entschuldigst dich jetzt!“ Warum du aufhören solltest, dein Kind dazu zu zwingen

24. November 2016 0 Von Lisa

Kennt ihr das? Ihr seid gerade auf dem Spielplatz/ in einer Spielgruppe oder einfach nur zuhause und habt Besuch von jemandem mit Kind und dann passiert es!
Kind X hat den Holzklotz-Turm von deinem Kind umgeschmissen – mit voller Absicht! Wie gemein!

Und natürlich rennt die Mama von Kind X sofort zu ihrem Kind und sagt folgendes:

„Das macht man aber nicht! Du entschuldigst dich aber soooooofort bei YZ!“

Doch, Kind X will sich nicht entschuldigen, wo es doch so viel Spaß hatte, den Turm umzuwerfen um zu schauen , wie die Holzklötze fallen.
Also sagt die Mutter von Kind X nochmal mit strengerer Stimme “ Wenn du dich nicht sofort entschuldigst, dann gehen wir nach Hause!“

Nun fängt Kind X an zu weinen, schließlich findet es, dass es doch gar nichts verkehrt gemacht hat. Und auch dein Kind schaut nur verwirrt drein.

„Gut, wenn du nicht bei DREI dich entschuldigst, dann gehen wir! EINS….ZWEI.. (Kind X kann nur noch weinen, es ist so verzweifelt, denn es möchte doch nicht nachhause und lieber noch weiterspielen – es ist schon so verzweifelt, dass es sich nicht mal entschuldigen kann, wenn es wollte.) DREI! So, anziehen, mitkommen! Dass du aber auch NIE hören kannst!!!“

Wieso Zwang nichts bringt außer Vertrauensbruch und Angst

Dieses (alltägliche) Schauspiel, sieht man als Elternteil sicherlich sehr oft.
Doch ich finde, dass es so nicht weiter gehen sollte.

Eine Entschuldigung sollte vom Herzen kommen. Ein Reue Gefühl sollte vorhanden sein.
Der Mensch sollte wissen, was er falsch gemacht hat und sollte wissen, ob es für ihn selbst falsch war.

Wenn es für den Menschen eine richtige Entscheidung war – warum dann entschuldigen?
Wem bringt dieses ‚Entschuldigen‘ überhaupt was?

Entschuldigen – ent-schuldigen. Das bedeutet , dass jemand (Opfer) Unrecht getan wurde und er dem Schuldigen vergibt. Das Opfer entschuldigt den Täter.

Um Entschuldigung bitten, müsste es daher heißen.
Denn, auch wenn ich sage „Oh, das tut mir wirklich leid, verzeihst du mir?“, dann bedeutet es nicht, dass das ‚Opfer‘ mir auch vergeben wird.

Ich habe es in meiner Schulzeit schon öfter erlebt gehabt – Streit schlichten, wurde es genannt. Ich würde es eher als „X muss sich bei Y entschuldigen, und Y muss die Entschuldigung annehmen“ bezeichnen.
Damals, als Kind(!) fand ich es schon total daneben, mich entweder für etwas zu entschuldigen bzw eine Entschuldigung anzunehmen, obwohl ich dem absolut nicht zustimmte.
Einen auf Friede-Freude-Eierkuchen machen, finde ich absolut daneben.

Wut darf doch sein. Ich darf auf jemanden wütend sein und muss diesem jemanden nicht verzeihen. Und meistens war es doch so: Wir haben uns entschuldigt / Entschuldigung angenommen und waren trotzdem noch stinksauer auf den anderen und haben diese Person gemieden bis (und jetzt kommt es!!!) wir von alleine, nach einiger Bedenkzeit, bei dem Anderen um Verzeihung gebeten haben.

Und ein ehrliches „Es tut mir wirklich Leid, war blöd von mir.“ lässt sich auch viel besser annehmen als ein – von außen – erzwungenes.

Bei den oben genannten Sätzen der Mutter fehlt eines: Das Schauen über den Tellerrand. Wieso beurteilen wir so oft nur die Handlung und nicht die Ursache?
Was ist passiert, dass Kind X den Turm kaputt gemacht ? Hatte Kind Y vielleicht genauso Spaß daran wie Kind X?
Wollte Kind X sich vielleicht mitteilen und wusste sich nicht anders zu helfen, als etwas kaputt zu machen?

Hört auf den Schuldigen zu suchen

Es bringt nichts jemanden an den Marterpfahl zu binden und zu sagen: “ So, du bist Schuld!“

Wir Erwachsenen – in dem Falle, wir Eltern – tragen die Verantwortung.
Wir sind diejenigen, die in der Lage sind ‚richtig‘ zu Kommunizieren und auch zwischen zwei (oder mehr) Leuten zu vermitteln.

Wenn wir eine solche Situation erleben, dann bringt es niemandem – also wirklich niemandem, außer vielleicht den Eltern – wenn wir sagen “ Du hast das kaputt gemacht, DU bist daran Schuld, DU entschuldigst dich.“
Warum bringt es nur den Eltern was, fragt ihr euch?

Habt ihr euch darüber Gedanken gemacht, ob denn Kind Y überhaupt Kind X verzeihen möchte? Ob es überhaupt auf das andere Kind wütend ist? Ob es selbst überhaupt verlangen würde, dass das andere Kind um Verzeihung bitten soll?

Wäre es nicht für alle Beteiligten angenehmer zu schauen, was dahinter steckte?
Eine schöne Lösung für alle zu finden – z.B. erstmal Empathie entgegenbringen, anstatt direkt jemanden zu verurteilen.
Dann eine Lösungssuche starten – vielleicht könnten alle gemeinsam helfen den Turm wieder aufzubauen?
Und: wollte Kind X etwas? Das kann die Mutter von Kind X erfragen – jedoch ohne Vorwürfe „Das macht man doch nicht, wieso hast du das denn gemacht *grummel*“

Verantwortung übernehmen

Eine aufgezwungene Entschuldigung beinhaltet absolut keine Verantwortung. Es sagt eigentlich nur aus „Ich sage dir jetzt nur Entschuldigung, weil MIR sonst XY droht. Ich sehe mich nicht im Unrecht“.

Wollen wir also , dass unser Kind Verantwortung übernimmt, für Sachen, in denen es sich nicht im Unrecht sieht? Für Dinge, für die unser Kind keine Verantwortung übernehmen will und evt sogar gar nicht kann (weil es z.B. zu jung ist um kognitiv überhaupt verstehen zu können was es ‚falsch‘ gemacht hat)?

Entschuldigen hat etwas mit Höflichkeit zu tun – warum ich Höflichkeit vorlebe und nicht erzwinge, könnt ihr hier lesen.

Doch ist es wie mit anderen Höflichkeitsgesten auch: das Kind muss erstmal kognitiv in der Lage sein, um den Sinn hinter Höflichkeit zu verstehen. Es sollte um Verzeihung bitten, wenn es ihm wirklich leid tut und nicht, weil es andere von ihm erwarten oder weil es anderen gefallen möchte.

Vorleben und nicht zwingen , denn Zwang ist Machtmissbrauch und ein starker Vertrauensbruch.