„Mir ist nicht kalt!“ – Wieso dein Kind seinen Körper besser kennt als du.

„Mir ist nicht kalt!“ – Wieso dein Kind seinen Körper besser kennt als du.

15. November 2016 10 Von Lisa

Kennt ihr das? Zehn Grad Plus und ihr friert euch – auf gut Deutsch – den Arsch ab? Also ich kenne das. Ich bin eine richtige Frostbeule, wie so schön gesagt wird.

Und dann sehe ich meine knapp 2,5 jährige in Windel durch die Wohnung flitzen. Ich mache einen Hechtsprung und ziehe mir noch einen Pullover an.

Hä? Wieso denn mir?

„Nein Mama! Heiß!“

Mir ist kalt. Nicht meinem Kind.

Wäre meinem Kind kalt, dann würde es das sagen und würde sich was anziehen (lassen).

Und ich bin mal so mutig und behaupte, dass jedes Kind beurteilen kann, ob ihm/ihr nun gerade kalt oder warm ist. Ob es eine dicke Jacke braucht oder nur den Pulli. Ob es kniehohe, dicke Winterschuhe braucht oder Barfuß in den Schnee stapft.

Denn Kinder haben einen eigenen Körper und damit verbunden ein eigenes Temperaturempfinden.

Doch wir trainieren ihnen ab, auf ihren Körper zu hören. Wir sagen ihnen , was sie anziehen sollen – natürlich wollen wir nur das Beste für unser Kind.

Ist das Beste immer meine Meinung?

Ist das Beste wirklich das, was ich ‚angeordnet‘ habe? Wovon ich überzeugt bin? Nur meine Meinung zählt?

Ist es wirklich das Beste für das Kind, wenn ich entscheide, wann es sich warm anziehen soll oder ist es das Beste für das Kind, wenn es das selber weiß?

Langfristig gesehen sicherlich zweitens.

Doch woher kommt dieses „Das Kind weiß nicht ob es eine Jacke braucht.“?

Wenn wir ein Kind bekommen, wird uns gesagt, dass wir diesem Kind viel Wärme geben sollen, mittels Körperkontakt, warmer Kleidung, Heizstrahler etc.

Das Neugeborene wird älter , erlangt die ‚Fähigkeit‘ seine Temperatur aufrecht zu halten doch wir machen weiter. Das Baby kann sich noch nicht alleine anziehen, daher entscheiden wir gleich mit was es anzieht. Das Baby wird zum Kleinkind, kann sich einige Kleidungsstücke schon allein anziehen und tut seinen Willen kund.

Doch wir machen weiter.

Wir übergehen das Temperaturempfinden unserer Kinder, weil wir der Meinung sind, dass unser Kind eine Jacke braucht, weil uns selbst ja auch kalt ist. 

Würdest du…?

Würdest du deinem Partner sagen, was er anziehen soll?
Würdest du deiner Mutter sagen, was sie anziehen soll?
Würdest du deinem Chef sagen, was er/sie anziehen soll?

Nein? Wieso nicht? Weil er/sie erwachsen ist?

Wieso glauben wir, dass ein ‚richtiger‘ Mensch erst mit 18+ Jahren zu allem eine eigene Meinung und eine eigene Wahrnehmung haben kann?

Mehr Vertrauen schafft auch Selbstvertrauen

Vertraut euren Kindern mehr, denn genau dieses Vertrauen , was ihr euren Kindern entgegenbringt , wirkt sich auf deren Selbstvertrauen aus.

Sie wissen selbst wann ihnen zu kalt und wann zu warm ist. Sie wissen, ob ein dicker Pullover reicht, oder sie doch noch eine Jacke anziehen möchten.
Sie wissen, ob es sinnvoll ist in FlipFlops raus in den Schnee zu gehen oder ob die Füße in Socken und Schuhen doch besser aufgehoben sind.

Und wenn sie es noch nicht wissen, dann nicht, weil sie dafür zu klein sind, sondern weil sie die nötigen Erfahrungen noch nicht sammeln durften.

Woher soll das Kind wissen, dass der erste Schnee, den es gerade zu Gesicht bekommt, kalt ist? Es kannte bisher nur den schön warmen Sommer, den etwas kühleren Herbst und plötzlich liegt vor ihm wunderschöner, weißer Schnee.

Natürlich könnten wir sagen, dass der Schnee kalt ist, und das Kind sich doch etwas wärmer anziehen könnte.

Doch, was wäre, wenn der Schnee warm wäre? Woher soll das Kind wissen, dass der Schnee kalt ist, und der Wind und die allgemeine Jahreszeit komplett anders ist?

Woher wissen wir das überhaupt? Aus Geschichten? Aus Erzählungen?

Nein! Aus Erfahrung! Jahrelanger Erfahrung!

Wir durften jahrzehntelang immer und immer wieder den Schnee, die Kälte, die Wärme, die Hitze, den Wind und was weiß ich nicht noch alles, erfahren. Und wir lernen immer wieder dazu – denn es ist November und trotzdem kann ich an einigen Tagen nur in Pullover raus , das ist nicht jedes Jahr möglich.

Erfahrungen zu machen ist wichtig – und frieren mag für einige wohl ziemlich negativ sein. Doch gebt euren Kindern die Möglichkeit auch mal Kälte spüren zu dürfen. (Natürlich nicht mit den Worten „Hab ich dir doch gesagt nänänä *augenroll* *Kind in die Wohnung zieh*„)

Wenn sie es noch nicht wissen – dann, weil sie es noch lernen werden.

Jeder ist anders

Der Mensch ist ein Individuum. Jeder Mensch hat ein anderes Temperaturempfinden.
Wenn mir kalt ist, ist jemand anderem vielleicht gerade ziemlich warm.

Gestehen wir auch unseren Kindern ein, dass ihnen nicht unbedingt kalt ist, nur weil uns kalt ist.

Was kann ich machen, damit ich meinem Kind vertraue?

  • es fragen ob es eine Jacke anziehen möchte.-> wenn ja: super.
    -> wenn nein: auch super, dann einfach die Jacke mitnehmen und ab und an nachfragen.
  • dem Kind eingestehen, dass es ein eigenes Bauchgefühl und Temperaturempfinden hat.
  • selbst ausprobieren ob auch für Dich eine Jacke überhaupt nötig ist oder ein dicker Pullover reichen würde.
  • sich bewusst machen, dass durch Kälte (nicht Stundenlange!) ein Mensch nicht (!) krank wird – es sei denn, ein Virus ist schon im Körper, aber dann wäre der Mensch so oder so krank geworden und es war ein großer Zufall 😉

Hört ihr auf euer Bauchgefühl? Oder zieht ihr euch immer nach den Temperaturen an? Wie viele Klamotten sind denn im Winter ‚richtig‘?

Lasst eure Kinder selbst erfahren wie viel oder wenig sie anziehen müssen, damit sie sich wohlfühlen.

Und noch etwas sehr wichtiges, da ich es in den letzten Tagen beobachtet habe: bitte, bitte zieht euch und euren Kindern keine dicken Jacken im Auto an – sollte etwas passieren (und es muss nicht eure Schuld sein!) , dann kann es schlimmstenfalls für euch und/oder eure Kinder tödlich enden. 

Eure Lisa