Langzeitstillen ist Normal! (III) | Gastbeitrag von MotherBirth

Langzeitstillen ist Normal! (III) | Gastbeitrag von MotherBirth

24. Oktober 2016 0 Von Lisa

Heute, am Langzeitstillen-Montag, ziehe ich den Hut vor der wunderbaren Andrea von motherbirth. Sie hat einiges durchmachen müssen und ist trotzdem ganz bei sich und ihren Kindern.

Stillen? Ich?! – Äh, nö…

Während meiner ersten Schwangerschaft war ich mir nicht mal sicher, ob ich überhaupt stillen wollte. Ja, genau! Ihr habt richtig gehört – ICH die Langzeit-Tandem-Stillerin 😉 Ich kam also zum Langzeitstillen wie die Jungfrau zum Kinde – wenn man so will.

Eher halbherzig habe ich meiner Mutter damals versprochen, dass ich es wenigstens versuchen würde mit dem Stillen… Ich dachte: so 6-8 Wochen – das muss doch reichen und meine Mama kann sich dann auch nicht mehr beschweren. Heute kann ich über diese Naivität und Dummheit meinerseits nur noch leise schmunzeln. Als wenn es bei einer Stillbeziehung um die Wünsche Dritter gehen würde!!! Aber diese tiefgreifende Erkenntnis sollte mir erst viel später dämmern.

 

Nun ja, vielleicht doch…

Tja, und dann kam mein Sohn zu mir – nach einer traumatischen Geburtserfahrung, einer anschließenden Not-Sectio mit Narkosevorfall und seinem Aufenthalt auf der Kinderintensivstation, wo ich nicht stillen durfte/sollte (was weiß ich…). Er lag nun in meinen Armen. Das erste was ich machte: ich legte ihn an meine Brust – wie selbstverständlich. Und er trank – wie selbstverständlich. WIR stillen. Es war wundervoll! Wir harmonierten von der ersten Minute an. Es war, als wenn wir es schon ewig so gemacht hätten – ein eingespieltes Team. Das Gefühl war unbeschreiblich.

 

Wenn sich Grenzen beginnen zu verschieben

Aber auch zu dem Zeitpunkt war mir noch nicht klar, wie lange diese Stillbeziehung andauern würde. Mein „großes“ Ziel waren die obligatorischen 6 Monate, die überall propagiert wurden. Ich hoffte, ich schaffe das – nicht dass ich zu wenig Milch habe… Ein „Schicksal“, dass sowohl meine Mutter als auch meine Schwiegermutter schon in den ersten 2-3 Monaten ereilte. Wird es mich auch treffen? Dann waren plötzlich schon 6 Monate – mit mehr als ausreichend Muttermilch – um und ich wollte nicht abstillen – es fühlte sich falsch an. Mein Sohn dachte auch nicht im Geringsten daran, irgendwelche Stillmahlzeiten zu „ersetzen“. Hier begriff ich das allererste Mal, warum es BEIkost heißt und nicht Breikost 😉 … Zum Stillen (Hauptmahlzeit) bekommt das Baby feste Nahrung (BLW) oder eben Brei – als BEIgabe!!! Nicht mehr und nicht weniger. Also weiterstillen.

 

Grenzenlos

Das nächste Etappenziel zum Abstillen, dass ich mir steckte: die „1-Jahresgrenze“. Also wenn man gemeinhin nicht mehr sagen würde, dass es sich um ein Baby handelt. Es ist der Zeitpunkt, an dem aus dem zu stillenden, bedürftigen Baby, ein selbstständiges – meist sogar laufendes – Kleinkind wird. So was stillt man doch nicht mehr, oder? ODER??? Ich kannte zu dem Zeitpunkt niemanden, der länger gestillt hatte – somit fehlten mir auch die Vorbilder für das Langzeitstillen. Ich denke es hätte mir sehr geholfen. Ja, Vorbilder sind Balsam für Herz und Seele einer stillenden Mutter, wenn wieder allzu viel harsche Kritik an dem gewählten Weg – dem Langzeitstillen – auf dich niederprasselt. Ich hätte mich vermutlich nicht länger wie ein verkorkstes Einhorn gefühlt. Auf eine unangenehme Weise besonders, anders, seltsam. Mein Umfeld drängte immer wieder aufs Abstillen, denn das Kind müsste doch endlich „etwas Vernünftiges“ zu essen bekommen und in DEM Alter stillt doch nun wirklich niemand mehr sein Kind!!! Ich schaltete auf sturr und machte den Vogel Strauß: Kopf in Sand und Lalalala ich höre euch nicht 😉

Etwas kindisch – dass gebe ich zu –, aber es hat mir geholfen, wieder besser meine innere Stimme wahrnehmen zu können. Das Dauerrauschen, der von außen auf einen einprasselnden Ratschläge hatte diese übertönt. Ich musste es ausblenden. Es tat so gut. Ich wollte meinen Bauch – mein Herz – entscheiden lassen. Und was soll ich sagen, der Gedanke ans Abstillen fühlte sich auch jetzt noch falsch an.

Und so verschob ich gedanklich meine Abstill-Grenze immer weiter nach hinten. Bis ich zu dem Schluss kam: mein Kind soll sich selbstbestimmt abstillen können. Ich vertraue ihm, dass es den passenden Zeitpunkt findet. Endlich kam ich innerlich wirklich zur Ruhe. Wir hatten UNSEREN Weg gefunden. Jetzt konnte ich diesen auch nach außen hin besser vertreten, da ich nun sicher war, was WIR wollten. Ich fühlte mich ohne meine gedanklich selbstgesetzten Grenzen endlich frei – grenzenlos frei.

 

Was ich mir wünsche: Toleranz für unseren Weg

Es ist für mich das Normalste auf der Welt meinen Kindern so lange die Brust zu geben, bis sie sich selbstbestimmt abstillen. Ich weiß, dass UNSER Weg nicht für jedes Still-Paar funktioniert. Es ist halt UNSER Weg. Deshalb will ich niemanden überzeugen, dass mein Weg der einzig Richtige ist und ich will anders herum auch nicht mit eindringlichen Worten überredet werden, dass unser Weg – aus welchen Gründen auch immer – der Falsche ist. Es geht um gegenseitige Toleranz und Akzeptanz unserer Wege, um Empathie, um die Geschichte und die Menschen dahinter. Wie kann ich ein Verhalten beurteilen – oder sogar aburteilen – wenn ich kaum oder nichts über die betreffende Person weiß? Über die Geschichte dahinter? Toleranz kann erst dann entstehen, wenn ich auf jemanden zu gehe und ihn vorurteilsfrei frage: Warum machst du das so? Wenn ich echtes Interesse an der Geschichte dahinter habe, wenn ich mich in mein Gegenüber hineinversetze – dann, ja genau erst dann, werde ich ihm und seinem Weg mit Toleranz begegnen können. Ich wünsche, dass die Menschen auf mich zugehen, nachfragen – ein offenes Gespräch mit mir suchen, anstatt Kopf schüttelnd und angewidert guckend mich zu meiden. Ich bin offen dafür meine Geschichte zu erzählen – vielleicht treffe ich auch tolerante Zuhörer mit einem offenen Ohr für meine Geschichte. Ich würde mich freuen, denn ich glaube, dass Gespräche mehr verbinden als trennen können.


Liebe Andrea, danke für diesen (wieder mal) wunderbaren Text! Hoffe wir sehen uns bald mal wieder!

Eure Lisa

Ihr möchtet auch über eure (Langzeit)Stillbeziehung berichten? Ihr habt etwas, was ihr der Gesellschaft bezüglich des Themas Stillen sagen möchtet? Dann schreibt mir gerne eine Mail an geborgenundgeliebt@gmail.com !