Was du über Erziehung wissen solltest

+++ ACHTUNG : Dieser Text enthält an einigen Stellen Ironie! +++

Wie die meisten wissen, leben wir unerzogen.

Nicht 100% – aber wir arbeiten dran.

Was Unerzogen genau ist, habe ich euch hier mal erklärt – und nun möchte ich mehr auf das Thema ‚Erziehung‘ eingehen.

Erziehung unter die Lupe genommen

Was ist Erziehung?

Wieso wird gesagt, dass Erziehung ein Muss ist und auf der anderen Seite, dass Erziehung Gewalt bedeutet?

Braucht ein Kind Erziehung oder ist es nur Machtausübung und Kontrolle der Eltern?

Wo fängt Erziehung an und wo hört es auf?

„Denn Gewalt ist in meinen Augen noch viel mehr als das im Text erwähnte und offensichtliche. Sie ist allgegenwärtig, gemein und oft noch viel subtiler als wir glauben und dennoch ebenfalls schädlich.

Dazu zählt für mich der „Klaps“ auf den Po oder auf die Hand genauso wie das Training am Töpfchen. Manipulation, Beschimpfungen, Erpressung sowie jegliche Maßnahme, die darauf zielt einen Menschen nach der eigenen Vorstellung formen zu wollen. Anschreien, Liebesentzug, Schlaftraining, körperliche Bestrafungen, entwürdigende Maßnahmen und alles was die Existenz bedroht, fällt in meinen Augen ebenfalls in die Kategorie Gewalt“, schreibt Aida in ihrem Artikel.

Wenn man mal ganz klassisch bei Wikipedia schaut was Erziehung bedeutet , findet man diese Zeilen vor:

„Der Ausdruck „Erziehung“ bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch sowohl die Gesamtheit allen erzieherischen Handelns, das die Personalisation, Sozialisation und Enkulturation eines Menschen steuert“

Und auch:

„Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka formuliert:

„Unter Erziehung werden Handlungen verstanden, durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten“.

Mit anderen Worten: Erziehung bedeutet einen anderen Menschen (das Kind) unter Kontrolle zu haben und so zu formen, wie die Eltern oder die Gesellschaft diesen Menschen möchte.

Liebevoll wird es aber auch so verpackt „Das Kind muss sich in die Gesellschaft anpassen“ – doch, da stellen sich mir erneut einige Fragen auf.

Wer ist die Gesellschaft?

Wofür steht die Gesellschaft? 

Muss ich mich an die Gesellschaft anpassen – oder kann sich die Gesellschaft anpassen?

 

Gesellschaft (Soziologie), durch unterschiedliche Merkmale abgegrenzte Personen, miteinander verknüpft und interagierend“ – hat mir Wikipedia dazu gesagt.

Das bedeutet also , viele verschiedene Menschen , welche ‚zusammen‘ leben (also in einem Land, der Erde..) und miteinander ‚klar kommen müssen‘.

Soweit so gut.

Kinder müssen sich also alledem anpassen, weil ein friedliches Miteinander weiterhin herrschen soll.

Auf gut Deutsch – wenn Kinder nicht angepasst werden, haben sie eigentlich auch nichts hier zu suchen. Oder?

Wir gebären wundervolle Kinder – in den Augen der Eltern, Großeltern etc sind diese kleinen, friedlichen Neugeborenen einfach perfekte kleine Wesen. So kleine Menschen, denen nichts passieren darf. Welche auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind.

Und dann kommen sie in die Trotzphase (Autonomiephase!) und sind urplötzlich Tyrannen und man wünscht sich dieses kleine Engelchen mit Windelgröße 1 zurück.

Plötzlich sollen sie besser gehorchen als der Nachbarshund und wenn dies nicht nach 1,2,3 passiert ist aber die Hölle los. Wie unverschämt vom (immer noch auf Hilfe und Unterstützung angewiesenem) Kind nicht zu gehorchen.

Und wofür steht die Gesellschaft?

Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung.

Zur Zeit ist die Gesellschaft so ‚eingestellt‘:

  • Längeres Stillen als 4-6 Monate ist pervers
  • Stoffwindeln sind eklig
  • Müll ist toll, also produzieren wir noch mehr
  • Preise sind zu hoch also wollen wir gebrauchtes am besten umsonst
  • Tragen verwöhnt die Kinder
  • Babybrei ab 3/4 Monaten, oder besser noch früher
  • Kinder dürfen nicht laut sein
  • Eltern dürfen laut sein, weil kann ja jeder nachvollziehen
  • Bildungssystem: nur ‚kluge‘ Kinder kommen weiter und sind besser
  • Leute die ‚anders‘ sind, sind automatische Außenseiter
  • Hausfrauen sind einfach nur faul
  • Kinder die zuhause betreut werden sind unsozial

und zu guter letzt:

  • jeder macht jeden nach, weil es wird schon das richtige sein, sonst würde es ja niemand machen.

Jetzt werde ich mich wahrscheinlich noch unbeliebter machen als ohnehin schon:

Ich will nicht zu dieser Art Gesellschaft gehören.
Ich möchte, dass die Gesellschaft Kinderfreundlicher wird, dass mehr auf die Umwelt geachtet wird und Sachen nun mal ihren Preis haben, auch Gebrauchtes. Zudem möchte ich, dass nicht alles modernisiert werden muss – denn ein Baby denkt sich nicht nach der Geburt „Geil, jetzt komme ich in die Softtragetasche des Kinderwagens mit Luftreifen, schwenkbarem Schieber und noch viel coolem Gedööns, was meinen Eltern Spaß macht.“

oder auch:

„Cool, jetzt bekomme ich schon mit drei Wochen mein eigenes Zimmer, eigenes Bett , tolle Wandsticker, einen schicken Teppich – ganz ohne Eltern! Was ein Luxus. Jetzt fehlt nur noch die eigene Bude.“

Ich will nicht missionieren und sagen, dass alles falsch ist, was nicht meinen Wünschen entspricht. Jeder darf es natürlich so machen, wie er/sie es möchte. Ich möchte damit nur anmerken, dass Babys eben all das nicht wissen und verstehen können. Sie nicht durch Nähe und/oder Liebe verzogen werden. Die Eltern im Familienbett auch nicht die Arme und Beine eines 18. jährigen im Nacken und im Gesicht haben.

Was gibt es für Erziehungsstile und Erziehungskonzepte?

Viele viele Forscher haben in den 20er Jahren bis heute verschiedene Erziehungsstile und deren „Folgen“ dokumentiert.

Einige werden euch sicherlich bekannt vorkommen, wie z.B. die Anti-/ Autoritäre-Erziehung oder auch Laissez-Faire.

Hinzukommen noch Autoritativ :

„Eltern schätzen den autonomen und eigenen Willen des Kindes und berücksichtigen seine Interessen, die elterliche Sichtweise hat jedoch Vorrang und es wird Gehorsam erwartet; um sich durchzusetzen, verwenden die Eltern sowohl Argumente als auch ihre Macht; elterliche Entscheidungen werden diskutiert.“ , hat Alfred Baumrind in den 40er Jahren erforscht. 

Grenzen müssen sein – aber was für welche?

Grenzen, dieses Wort kann so viel bedeuten und jeder hat eine andere Vorstellung davon.

Jeder Mensch hat Grenzen, diese sind nicht starr verankert , sondern können – mithilfe von der Laune, Impulskontrolle.. – mehr ausgereizt oder eben ‚enger gezogen‘ werden.
An manchen Tagen läuft einfach alles falsch und man ist schneller an seinen Grenzen – und es gibt aber auch Tage, da kann nichts einem die gute Laune vertreiben und es scheint, als hätte man Nerven aus Stahl und eine Engelsgeduld. Die Grenzen sind also sehr variabel.

Dann gibt es Grenzen, die werden aufgestellt , weil es jemand einfach sagt. Ohne ersichtlichen Grund, oder aber, weil es diese Person einfach nicht will. Einfach, weil diese Person diese Grenze setzen kann und die Macht darüber hat.
„Weil ich das sage!“ , ist so die gängigste Antwort, aber es gibt sicherlich auch noch viele weitere.

Wie erkennen wir nun, welche Grenzen wirklich sein müssen, welche etwas bringen und welche wir weglassen können?

Ich bin der Meinung, dass wir jegliche ‚Grenzen‘ weglassen können, bei denen wir einfach nur Macht ausüben wollen. Bei denen wir den Boss raushängen lassen können. Denn wem bringen diese Grenzen was, außer unseren Willen zu bekommen, den wir bei den Kindern ja so schrecklich finden?

Die Grenzen aller Lebewesen (Mensch und Tier) sollten gewahrt werden. Und wir als Mensch haben einen tollen Vorteil mit unseren variablen Grenzen – wir können einfach nochmal nachdenken ob dieses „Nein“ wirklich sein muss – besteht eine Gefahr? Dann brauche ich nicht Diskutieren, dann muss ich handeln! Besteht keine Gefahr, dann muss dieses ‚Nein‘ wahrscheinlich auch gar nicht sein. Oftmals steht man sich selbst einfach im Weg oder kennt es aus seiner eigenen Kindheit.

Zusammenfassend:

  • Grenzen nur um den eigenen Willen zu bekommen führen zu nichts – außer Gehorsamkeit, eventuell. Meist auch nicht 😉
  • Jeder Mensch hat variable Grenzen, die sollten respektiert und gewahrt werden

Ist Erziehung Gewalt?

Ich habe mich nun wirklich reich belesen, habe viel mit anderen Leuten geschrieben und gesprochen und bin der Meinung: Ja, Erziehung ist Gewalt.

Denn Erziehung hat ein Ziel. Das Ziel ist, dass sich das Kind unterordnet, sich anpasst und so wird, wie es jemand anderes will. Und niemand kann verändert werden – außer mit Gewalt.

Diese Gewalt muss nicht physisch sein – aber Psychisch.

Wie Aida schon Schlaftrainings und Töpfchentrainings aufgeführt hat möchte ich auch betonen, dass viele Sachen , die wir aus reiner Genervtheit sagen, andere Menschen – und ganz besonders unsere Kinder – sehr verletzen können.

Erst letztens habe ich eine Mutter im Freizeitpark gesehen , die zu ihrem Kind sagte „Boar, du gehst mir heute so auf den Sack! (an eine Dame an der Rezeption gewandt) Kann ich den hier lassen, der ist einfach so nervig! “

Das hat urplötzlich Wut in mir ausgelöst. Niemand kann etwas dafür, das du genervt bist. Nur du selbst. Du bist für deine Gefühlslage verantwortlich und kannst entscheiden ob du heute gut oder schlecht drauf bist. Diese klitzekleinen Sätze (das war nur eines von sehr sehr vielen Beispielen) stecken voller Gewalt – denn es verletzt jemand anderen – ob du diesen Schmerz sehen kannst oder nicht.

Mit diesem Text zweifel ich nicht an, dass erziehende Eltern ihre Kinder nicht lieben. Oder, dass die Kinder ihre Eltern nicht lieben. Oder dass es auch sehr harmonisch ist bzw sein kann.

8 Kommentare

  1. Ich muss dir in gewissen Punkten widersprechen.

    1. Das Ziel von Erziehung muss nicht Unterordnung und Anpassung sein.

    Ja, leider ist das noch immer oft der Fall. Aber wenn ich mein Kind durch Erklärung und Verbote dazu erziehe, nicht die Gabel in die Steckdose zu stecken, beispielsweise, dann tue ich das nicht, weil das sich gesellschaftlich so gehört, sondern weil ich als Erwachsene hier eine Gefahr sehe, die das Kind noch nicht begreifen kann, die es aber doch das Leben kosten könnte.

    Auch, wenn es dafür bei uns noch zu früh ist, will ich zudem später mein Kind dazu erziehen, respektvoll zu sein. Zu sich selbst und zu seiner Umwelt. Nicht für die Unterordnung unter irgendwelche sinnlosen gesellschaftlichen Regeln. Auf die pfeife ich. Sondern für sich selbst und für diese Welt, der es offenbar immer mehr an Respekt (nicht im Sinne von Furcht, sondern im Sinn von Achtung der Würde anderer Lebewesen) und Liebe mangelt.

    2. Auch ohne jede Gewalt verändert sich der Mensch.

    Mein persönliches Beispiel: Ich bin durch Liebe und Zuspruch selbstbewusster, zufriedener und glücklicher geworden und habe durch das Kennenlernen neuer Sichtweisen meine eigenen Denkmuster verändert. Ohne jede Gewalt.

    Jeder Mensch verändert sich und eine Persönlichkeit ist bei der Geburt nicht fertig ausgeformt. Das ist sie selbst mit Ende 20 noch nicht. Natürlich gibt es bestimmte Charakterzüge, die bereits fest verankert sind. Aber Leben heißt Veränderungen. Alles, was wir erleben, kennen lernen, lernen oder verstehen ändert uns. Aber das ist kein gewaltvoller Vorgang. Das ist das Leben.

  2. Ich finde, du kannst ruhig hinter deiner Meinung stehen und musst sie nicht relativieren.
    Leute, die dich dafür angreifen, tun das nur, weil sie sich mit der eigenen „Erziehung“ nicht richtig wohl fühlen. Wer für sich weiß, dass er richtig handelt, hat keinen Grund, andere anzugreifen.

    1. Ich stehe hinter meiner Meinung – mache zur Zeit aber eine Blogreihe und erkläre einige ‚Begriffe‘ um vielleicht auch zum reflektieren anzuregen. 🙂

  3. Ich tu mich schwer damit, Erziehung generell als gewalttätig zu klassifizieren – einfach weil der Begriff super schwammig ist. Ich habe vier Jahre lang an der Uni versucht zu verstehen, was Erziehung ist, hunderte von Definitionen gelesen und diskutiert (die sich ganz oft auch widersprochen haben) und am Ende konnten wir uns zusammenfassend nur auf „Erziehung ist ein intentionales Handeln“ einigen.
    Und intentional zu handeln, finde ich eben nicht zwangsläufig gewalttätig. Das KANN es sein und ist es auch leider oft, aber ich glaube nicht, dass es so sein MUSS.

    Versteh mich nicht falsch: Ich respektiere deine Meinung und möchte dich auch gar nicht davon abbringen! Mir persönlich ist die Aussage „Erziehung ist Gewalt!“ bloß einfach zu pauschal für so einen komplexen Begriff.

    Liebe Grüße
    Ida

    1. Ansich mag ich die Aussage „Erziehung ist Gewalt“ auch nicht. Denn unter Gewalt stellt man sich einfach was anderes vor.

      Die meisten Menschen erziehen und dann kommt jemand und sagt es ist gewalttätig?! Niemals.

      Über das nachdenken darüber was Erziehung ist , ist mir das aber klar geworden. Gewalt fängt nicht da an wo ich jemandem Psychischen oder Physischen Schaden zufüge – sondern wo ich meine Macht einsetze um einen Menschen so zu formen , wie ich es möchte.

      Ich würde auch niemandem sagen „Du bist deinen Kindern gegenüber gewaltsam – du erziehst ja schließlich“ das wäre sehr empathielos und würde auch nicht zum nachdenken bringen .

      Aber vielleicht denken auch einfach mehr Leute nach, was Erziehung ist. Erziehung spricht ja dem Kind eigentlich sämtliche Kompetenzen ab, und nur durch uns Eltern werden sie zu „guten“ Menschen – schreckliches Bild … 🙁

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Melde dich für meinen Newsletter an und Du bekommst meine „10 Tipps für mehr Ordnung im Familienhaushalt“ kostenlos als E-Book!