Selbstbestimmt, Attachment Parenting & Unerzogen

Selbstbestimmt, Attachment Parenting & Unerzogen

30. Juni 2016 95 Von Lisa

Selbstbestimmt Leben.

Selbstbestimmt schlafen, selbstbestimmt essen, selbstbestimmt Fernsehen gucken – ihr wisst, die Liste könnte noch ewig so weiter gehen.

Was ist selbstbestimmt eigentlich?
Was ist Attachment Parenting eigentlich?
Und vorallem – was ist unerzogen?!

Das alles möchte ich euch heute erklären, näher bringen und vielleicht den ein oder anderen AHA-Effekt hervorrufen. Oder besser noch: ich möchte zum reflektieren anregen.

Was ist Attachment Parenting?

Ich fange mit AP (Kurzform für Attachment Parenting) an.

Unter AP verstehen die meisten eine bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung.
Doch, was ist überhaupt Bindungs- und Bedürfnisorientierung?!

Viele denken sofort an:

  • Tragen im Tragetuch oder einer Trage
  • Stillen
  • Familienbett
  • BLW (BabyLedWeaning)

Doch ist AP wirklich nur bisschen kuscheln hier und bisschen kuscheln da und lieber eine Möhre hinhalten anstatt einer fein pürierten Möhrenpaste aus dem Glas?

Jeder hat so seine eigene Definition – und natürlich habe auch ich meine.

Die oben genannten Stichtpunkte zähle auch ich zu einer bindungs- und bedürfnisorientierten Erziehung , ABER ich ganz persönlich sehe keine Altersbegrenzung.

Oft lese ich, dass Eltern nur ’nach dem AP Konzept‚ (ich schreibe es extra in Häkchen) leben, bis ihr Kind ein gewisses Alter erreicht hat – dieses ist meistens so bis zum 12 Lebensmonat.
Ab da ist dann das Kind ein Kleinkind, fängt urplötzlich an zu trotzen und nun kommt man als Eltern ja einfach nicht mehr an einer strengen und konsequenten Erziehung drumherum.

Die liebevolle Erziehung hat nun ein Ende – es wird abgestillt, denn das Kind ist nun groß genug und braucht all das ja gar nicht mehr – dann lieber Kuhmilch (ist auch immer besser, eine Muttermilch einer anderen Spezies anzubieten, als einfach weiter zu stillen – sorry, für alle, die sich gerade auf den Schlips getreten fühlen!)

Ich lese es auch immer und immer wieder :

„Das Kind will einfach nicht schlafen ohne Brust, es muss nun einfach mal abgestillt werden – kann ja nicht angehen, dass dieses Kind nicht ohne Brust einschlafen will!“

Ich frage mich, wieso wird so sehr differenziert? Wieso haben nur Kinder bis zu einem gewissen Alter eine bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung verdient? Lieben wir unsere Kinder nach dem ersten Geburtstag weniger ? Hören wir zu sehr auf die Gesellschaft , die Tag ein und Tag aus predigt, dass ein Kind nur ‚Mist baut‘ wenn es keine ’strenge und konsequente‘ Erziehung genießt? Hat nicht jeder Menschen gerne, die einen mit Respekt behandeln, Gleichwürdigkeit schätzen?

Attachment Parenting kennt keine Altersgrenze. Attachment Parenting hat und ist kein Konzept. Attachment Parenting muss man leben und fühlen – es ist kein Modetrend , der irgendwann vorbei ist und plötzlich müssen die Kinder hin und her erzogen werden.

Attachment Parenting ist viel mehr als ein bisschen im Tragetuch tragen, bisschen im Familienbett kuscheln und feste Nahrung geben.

Attachment Parenting kann auch sein, wenn das Kind nicht gestillt wird. Denn Liebe , Gleichwürdigkeit, Nähe, Geborgenheit, Bedürfnisse erfüllen, Bindung fördern – all das kann auch ohne Familienbett, stillen, BLW usw gehen.

Und Attachment Parenting muss für alle klappen.
Was bringt es mir zu sagen, dass wir AP leben und ich mein Kind ins Tragetuch zwinge obwohl es das nicht will? Eben – nichts.

Unerzogen

Heftige Diskussionen werden lawinenhaft ausgelöst, wenn man erzählt, dass man nicht erzieht.

Puh, was musste ich schon alles hören:

„Wie geht denn das? Also ein Kind BRAUCHT Erziehung. Ein Kind MUSS doch erzogen werden! Was macht man denn, wenn das Kind ein Schimpfwort sagt?! Das GEHT DOCH NICHT!“

Ich muss gerade etwas in mich hineinlachen. Schimpfwörter werden nicht benutzt , wenn man erzieht?
Wer bitte glaubt denn sowas? Wirklich jetzt?

Ich kann doch nicht sagen „Scheiße, wenn ich mein Kind nicht erziehe , dann sagt es Schimpfwörter!“

Merkt ihr dieses unlogische Denken?

Zuerst einmal :

Ja, ich bin felsenfest davon überzeugt, dass niemand erzogen werden muss.
Warum? Weil wir niemandem gehören, weil wir niemandem gehorchen brauchen.

Ich bin ein eigenständiger Mensch. Ich gehöre weder meiner Mutter noch meinem Vater noch irgendwem anderes.
Und – wer sagt eigentlich, dass ein Kind erzogen werden muss? Gibt’s da ein Gesetz? Nein?

Ja, dann hat sich doch auch die Frage schon geklärt – ein Kind muss eben nicht erzogen werden.

Natürlich kommen dann meist irgendwelche Aussagen wie „Ja, dann tanzt dir irgendwann dein Gör auf der Nase herum!“

Äh – naja, hauptsache es tanzt!

Und – wer hat es denn ausprobiert um zu sagen „das Unerzogen nicht klappt und Erziehung sein muss“? Niemand.
Der liebe Herr A.H. hat in die Köpfe eingetrichtert, dass nur streng erzogene Kinder, zu ‚guten‘ (gehorchenden) Menschen werden.

Doch ich brauche keine Soldaten als Kinder. Ich brauche keine Kinder, die auf Kommando salutieren.

Ich möchte keine Kinder, die mir zu gehorchen haben und dann ‚den Arsch nicht hochkriegen‘, wenn sie Erwachsen sind.

Ich möchte Kinder, die ein starkes Selbstbewusstsein haben , die ein Nein auch vor autoritären Personen sagen. Ich möchte, dass ihre Stimme genauso viel Bedeutung hat wie meine.

Ebenso wie AP ist Unerzogen kein Trend, kein Konzept oder eine Ausrede dafür, dass man die Kinder einfach machen lässt (laissez faire).

Auch Unerzogen muss man leben – und Unerzogen betrifft nicht nur Babys, Kleinkinder, Kinder. Es betrifft alle. Auch Menschen, die man gar nicht kennt.

Unerzogen bedeutet Grenzen wahren – ohne Gewalt. Ohne ‚Du musst aber, weil ich das sage.‘.

Ohne sinnlose Konsequenzen mit dem Spruch ‚Ja, irgendwann kommen aber Konsequenzen auf das Kind zu. Kann es jetzt schon mal lernen.‘ .

Unerzogen hat viel mit Reflektion zu tun – mit begleiten, mit hinterfragen, mit Alternativen anbieten, mit stützen, mit mitgehen, dabei sein, da sein.

Unerzogen hat absolut nichts mit Verzogen zu tun. Ein Kind ist ein Mensch. Und dieser Mensch wird wachsen, lernen und sich verändern. Und das geschieht auch ganz ohne, dass ein Erwachsener rumerziehen muss.

Ich kenne so viele Menschen (im Kindesalter), die vieles nicht dürfen. Die halt diese ‚klassische Erziehung‘ haben.
Und genau diese Menschen sind es, die irgendwann ‚ausgebrochen‘ sind , damit sie sich mal austoben können. Damit sie mal so sein können, wie sie vielleicht gerade sein wollen, oder vielleicht damit sie sich selbst mal finden.

Woher weiß ich , wer ich bin, wenn man mir vorschreibt, wie ich zu sein habe?

Woher weiß ich das? Woher weiß ich, welche Charaktereigenschaften ich habe, wenn die vermeintlich guten bis in den Himmel gelobt werden und die vermeintlich negativen verboten und bestraft werden?

Woher weiß ich, was ich mag und was nicht, wenn man mir direkt eine Meinung aufdrückt ? („Oh,das ist aber hübsch,das ist ja schick, toll ist das!“)

Woher weiß ich, dass ich gesehen werde, wenn ich oft ignoriert werde? Woher weiß ich, dass ich ernst genommen werden, wenn doch immer gesagt wird , man sei noch ein Kind und versteht ja eh nichts und kann nicht mitreden etc?

Wieso darf ich mich nicht zu dem Menschen entfalten, der ich sein möchte? Wieso muss ich so sein, wie alle anderen mich gerne hätten? Leben diese Menschen mein Leben? Ist das Glück anderer Menschen wichtiger als mein eigenes?

Wofür ist Erziehung eigentlich gut?

Erziehung ‚greift‘ doch eh nur 18 Jahre. Danach hat meistens das Kind bzw der junge Erwachsene die eigene Macht über Körper und Meinung.
Ich forme mir also einen Menschen hin, wie ich oder die Gesellschaft ihn gerne hätte – achte dabei aber nicht darauf, wie es diesem Menschen geht und was einige Handlungen der Kinderseele antun und für gravierende Folgen haben können.

Und wenn diese Erziehung dann im Erwachsenenalter irgendwie versagt (hat) – dann habe ich als Elternteil wohl was falsch gemacht.

Für mich hört sich das nicht mal nach einer Win-Win-Situation an, sondern einer Lose-Lose- Situation. Es wird immer einen geben, der verliert. Und sehr häufig sogar, werden beide verlieren und müssten alles aufarbeiten , doch da diese Erziehung ja sein muss, wird gar nicht daran gedacht, dass die Seele bzw Psyche vielleicht darunter gelitten hat – Folge darauf, es wird nichts hinterfragt und nichts aufarbeitet. Und die ganze kindliche Wut wird dann an das nächste Kind weiter getragen, und das alles nimmt dann solch ungeahnte Folgen und einen wahnsinnigen Teufelskreis.

Unerzogen – ja, vielleicht wisst ihr immer noch nicht was es bedeutet. Es bedeutet einem Menschen das Recht zu lassen so zu sein, wie er/sie ist. Die Grenzen aller zu wahren, authentisch zu sein. Empathie und Begleitung. Kein Aufhalten aus eigener Angst. Keine Bewertung, keine Bestrafung, kein Loben. Nichts, was diesen Menschen manipulieren könnte.

Niemand möchte manipuliert werden. Oder willst du das?

Willst du so genommen werden wie du bist, oder so, wie dich alle gern hätten?
Möchtest du so akzeptiert werden oder willst du dich anpassen, damit du eventuell akzeptiert wirst?

Natürlich möchtest du ersteres ! Wer möchte all das denn nicht? Akzeptanz und Toleranz!
Dann auch bei unseren Kindern!

Es kann doch nicht sein, dass jeder für Akzeptanz und Toleranz ist und seinen eigenen Kindern vorlebt, dass gerade SIE nicht akzeptiert und toleriert werden! Wo ist da unser gesunder Verstand?!

Selbstbestimmt

Selbstbestimmt – ich habe mich gerade ganz selbstbestimmt dazu entschieden, das nächste Thema zu beginnen, da ich mich Emotional gerade etwas verloren habe und sicherlich einen Roman dazu schreiben könnte.

Was ist denn selbstbestimmt?

Ist es, wenn ich eine Gurke und eine Tomate auf dem Teller habe, und selbst entscheiden kann welches ich davon (zuerst) esse?

Eigentlich ist es das gleiche Prinzip.

Selbstbestimmt Schlafen, Essen, Trinken, ALLES.

Da oft Fragen zum Thema selbstbestimmtes Schlafen aufkommen, werde ich dazu näher er- und aufklären.

 

 

Ich persönlich sehe es genauso. AP ‚beschränkt‘ sich auf Bedürfnisse. Dazu gehören (natürlich) die Grundbedürfnisse, wie Essen, Schlafen, Wickeln/Toilette, Nähe ..

Doch anders als bei AP wird das Kind nicht ins Bett gebracht sobald es einmal gähnt und somit ja Müdigkeit zeigt.

Selbstbestimmt Schlafen gehen ist für jede Familie anders.
Ich kann nur von uns und unseren Erfahrungen sprechen und möchte nicht verallgemeinern.

Selbstbestimmt ohne Rituale?

Viele denken, dass selbstbestimmtes Schlafen ganz ohne ‚Routine‘ oder Rituale abläuft.
Aber dem ist nicht so – jedenfalls hier.

Wir gehen meist um 18/19 Uhr ins Schlafzimmer – aber keinesfalls müssen wir dort bleiben geschweige denn solange im Bett liegen bleiben bis wir endlich schlafen.

Selbstbestimmt bedeutet :

„Ich bin zwar müde, aber noch nicht so, dass ich jetzt schlafen möchte. Ich möchte lieber noch spielen und gehe später ins Bett, wenn ich schlafen möchte.“

Und nein, meine Kinder schlafen nicht im Spielzimmer oder mittem im Flur ein. Beide können mir sagen oder zeigen wenn sie ins Bett möchten – zeigen bedeutet in diesem Fall nicht mit dem Finger auf das Bett zeigen, sonder Klein El zieht z.B. an meinem Oberteil, weil sie sich Einschlafstillen möchte. Ich weiß somit, dass sie müde ist und gerne ins Bett möchte, damit wir dort Stillen können.
Emia hingegen kann schon alleine auf das Bett klettern und sollten wir doch noch unten im Wohnzimmer sein und sie wird müde,kann sie auch schon „Bit“ (=Bett) sagen und mir damit sagen, dass sie ins Bett möchte.

Selbstbestimmt bedeutet, dass der Mensch seine Bedürfnisse selbst in der Hand hat. Entweder er/sie geht denen jetzt nach oder vielleicht hat das ganze auch noch etwas Zeit. (Vergleichbar mit dem Pipi anhalten obwohl die Toilette in der Nähe ist 😉 )
Da setzt jeder andere Prioritäten – ist das Bilderbuch gerade so spannend oder gehe ich doch schon ins Bett?

Und ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch von Geburt an (Ausnahmen gibt es wie z.B. eine Regulationsstörung etc) seine Grundbedürfnisse selbst bestimmen/selbst regulieren kann. 

Kein Kind wird für immer wach sein oder hungern wollen.

Ich selbst durfte damals auch selbstbestimmt TV gucken und selbstbestimmt schlafen. Ich ’sollte‘ zwar auf mein Zimmer, aber durfte mich dort noch beschäftigen.

Und ratet mal, was ich nicht gemacht habe:

Genau, ich war nicht ultralange bis in die Puppen wach. Es konnte auch ein super-mega-spannender Film im TV laufen (Oh, ich weiß noch als Titanic lief!) und ich habe trotzdem abgeschaltet und habe mich entschieden schlafen zu gehen. Es klappt also wirklich und ist kein Humbuk 😉

Ich lese oft von Eltern, die sich das nicht zutrauen , ihre Kinder selbstbestimmt schlafen gehen zu lassen.

An sich ist es auch gar kein Problem – aber, wovor habt ihr Angst? Was glaubt ihr, wie wird der Schlaf eures Kindes in 5 , 10, 15 Jahren sein? ‚Könnt‘ ihr dann immer noch über das Schlafverhalten eures Kindes bestimmen?

Natürlich kann ich jeden verstehen der sagt „Ich habe Angst davor, dass die Kinder noch länger als gewohnt wach sind und ich bin doch jetzt schon echt fertig mit den Nerven und brauche meinen Schlaf.“ – Schlaf ist auch unglaublich wichtig!

Und ja: Wenn ihr bisher euer Kind reguliert habt und es feste Schlafenszeiten gegeben hat, dann wird es einige Zeit dauern, bis euer Kind nicht bis 23 Uhr am spielen ist. Denn euer Kind muss erstmal dieses Vertrauen aufbauen, dass ihr dieses Selbstbestimmte eurem Kind überlasst. Das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Wer weiß ob ihr einfach nur einen guten Tag hattet und es daher mal solange auf bleiben darf wie es möchte.

Klingt doch bisher ganz logisch, oder?

 

Meine Engel ❤

Ein von Lisa (@geborgengeliebt) gepostetes Foto am

Und ja, natürlich gibt es hier Abende , an denen ich um 21:30 schon am Stock laufe und die Kinder am liebsten zum Schlafen zwingen würde – doch seien wir mal ehrlich zu uns selbst: wir kennen diese Tage doch auch. Da sind wir über Tag so Hundemüde und gegen Abend hin werden wir plötzlich so wach als würden wir neben den Musikboxen in einer überfüllten Diskothek stehen. Und dann könnten wir Bäume ausreißen, weil wir voller Energie sind – super, ich liebe solche Abende, wirklich!

Aber unseren Kindern gönnen wir sie nicht. Es wird halt auch einfach anstrengend. Viel spielen, Haushalt etc – das macht müde, es schleift.

Lassen wir uns dann noch mal das oben gesagte durch den Kopf gehen – wir erstellen ein Mantra – „Es ist in Ordnung, ich bin auch oft lange wach“.

Und es gibt auch oft Abende, an denen meine Kinder um 18 Uhr im Bett sind und schlafen – und ehrlich gesagt irritiert mich das so sehr, dass ich jedes Mal hoffe, dass es kein nach hinten verschobener Mittagsschlaf ist!

Aber, wer müde ist , der schläft. Wer es nicht ist, der schläft halt auch nicht. 


Ich hoffe ich konnte jedenfalls minimal Licht ins Dunkle bringen.

Falls Du noch eine Frage bzgl einem dieser Themen (oder auch zu allem) hast, dann kannst du mir gerne eine Frage in die Kommentare schreiben, oder eine Mail an geborgenundgeliebt@gmail.com schreiben.


 

Eure Lisa