„Nichts passiert!“ – warum eben doch etwas passiert ist und was du ändern kannst

„Nichts passiert!“ – warum eben doch etwas passiert ist und was du ändern kannst

6. Juni 2016 30 Von Lisa

Wir sehen tagtäglich Kinder. Mit ihren Eltern, mit Großeltern, mit anderen Verwandten oder auch mit Freunden.

Wir sehen ein weinendes Kind – es ist gerade hingefallen und hat sich erschreckt.

„Ach, ist doch gar nichts passiert! Tut doch gar nicht weh. Komm, steh wieder auf.“

Ist doch nichts passiert und tut doch gar nicht weh?
Für viele sind solche Sätze normal. Sie sind schnell dahergesagt und beruhigen einen selbst mehr als das Kind.

Wenn wir mal drüber nachdenken, ergibt das alles doch aber gar keinen Sinn.

  • Wir haben genau gesehen, dass das Kind hingefallen ist. Es IST also was passiert.
  • Woher sollen wir wissen, dass es nicht weh tut? Wir können doch nicht fühlen, was jemand anderes fühlt!

Wieso sagen wir sowas? Ist es wirklich nur ein schnell gesagter Satz? Aber da gibt es doch auch bessere Alternativen!

Viele wollen ihr Kind nicht schmerzerfüllt dasitzen sehen. Wer will das schon?
Aber der Schmerz wird nicht einfach weggespült, wenn wir ihn uns einfach wegdenken, wenn wir diese Gefühle nicht zulassen.

Es ist was passiert. Ich bin hingefallen! Ich bin über diesen blöden Stein da gestolpert! Und jetzt tut mein Knie weh! Und ich bin auch noch traurig, dass du meine Gefühle nicht siehst! Wieso tröstest du mich nicht? Wieso nimmst du mich nicht in den Arm und gibst mir einen Kuss auf mein Knie? Hast du mich nicht mehr lieb?

Wir sagen einen Satz, der unseren Kindern wahrscheinlich mehr weh tut, als das blaue Knie vom Sturz.
Wir sagen einen Satz, der unser Gewissen reinwaschen will, der unsere Sorgen verschwinden lässt.

Einen Satz, der nicht stimmt und niemals stimmen wird. Einen Satz, den ich aus meinem Sprachgebrauch verbannt habe – etwas zu sagen, was ich weder fühlen noch wissen kann, ist für mich schlichtweg falsch.

Trösten und begleiten – mehr ist es nicht

„AUA!“, höre ich meine Tochter rufen.
Ich bin verdutzt, ich weiß nicht was passiert ist und frage nach, wo sie sich weh getan hat.

Sie zeigt auf ihren Fuß. Ich sehe da nichts. Gar nichts.
Ich frage nochmal nach ob ihr Fuß weh tut. Sie nickt und guckt traurig.

„Soll ich pusten?“, frage ich. Wieder nickt sie.
Ich puste ihren Fuß, gebe noch einen Kuss drauf und umarme sie.

Sofort spielt sie weiter – als wäre nichts gewesen.

Vielleicht war ja auch nichts. Wer weiß das schon, außer sie selbst!?

Ich bin für sie da. Immer. Egal ob sie sich weh getan hat oder vielleicht einfach gerade eine Umarmung braucht. Ich bin da.

Kein „Ist doch nichts passiert.“ , kein „Nun stell dich nicht so an, tut doch gar nicht weh.“ .

Meiner Tochter geht’s nicht gut, lässt sie mich verstehen. Dafür braucht es keine offenen Wunden, Blutlachen oder gebrochene Knochen. Ich bin immer für sie da und nicht nur, wenn sie ins Krankenhaus muss. Ich bin für sie da und das soll sie wissen.

Fehlende Empathie?

Ob wirklich einige Menschen empathielos sind, wenn sie so einen Satz sagen wage ich zu bezweifeln. Ausgeschlossen werden kann es natürlich nicht.

Es liegt an unserer eigenen Erziehung . Und die Erziehung unserer Großeltern. Und die Erziehung von allen vor uns.

Es hat sich so weit normalisiert zu sagen, dass nichts passiert sei, und jetzt ist es hier in unsere Generation durchgedrungen. Ein Satz, den wir für normal halten und uns nicht hinterfragen ob es wirklich so normal ist, sein eigenes Gewissen zu beruhigen anstatt liebevolle, Aufmerksamkeit schenkende Worte unseren Kindern zu widmen.

Wieso sagen wir sowas nicht anderen Erwachsenen?

Euer Partner oder sonst jemand ist gerade gestürzt. Würdet ihr dann sagen „Ist nichts passiert.“?
Ihr habt ja gesehen, dass etwas passiert ist. Und sagt dann eher „Oh, ist alles gut bei dir?“ .

Habt ihr euch schon mal gefragt, warum wir so sehr differenzieren?

Warum wir unseren Kinder nicht eingestehen, dass sie eigene, echte Gefühle haben?
Warum wir den Gefühlen eines Erwachsenen mehr Aufmerksamkeit und Bedeutung schenken als die, eines Kindes?

Ein Erwachsener wird ja wissen ob er schmerzen hat. Da kann man dann ja nachfragen.

(‚Oh , ist alles gut bei dir? ‚)

Ein Kind hat dieses Wissen anscheinend noch nicht – also müssen wir sagen, dass nichts passiert ist und alles gut ist. Auch wenn es vielleicht anders ist.

(‚Nichts passiert, steh wieder auf.‘)

Wir brauchen die Gefühle und Wahrnehmungen für unsere Kinder nicht übernehmen – mal davon abgesehen, dass es auch rein psychologisch gar nicht geht!

Sätze, die du stattdessen sagen kannst:

  • Oh, ich sehe , du hast dir weh getan. Willst du eine Umarmung?
  • Autsch, tat das doll weh?
  • Wo hast du dir weh getan?
  • Wollen wir zusammen pusten?

An all diese Sätzle sollte auch eine Handlung erfolgen – wie z.B. Ein Kühlpack holen, auf die betroffene Stelle einen Kuss geben, Umarmen, Pusten oder oder oder.

ABER: 

Wenn euer Kind das nicht möchte, was durchaus vorkommen kann, dann lasst es. Ihr könnt es dann nochmal anbieten oder einfach weiter für euer Kind da sein. Versuchen einen Dialog anzufangen.

Aus unseren Kindern werden keine verweichlichten Erwachsene

Auch wenn das immer noch in einigen Köpfen steckt.
Das was viel zu vielen Menschen fehlt ist die richtige Portion Empathie.

Und es gibt so viele Sachen, die dazu führen, dass Menschen ihre eigenen Gefühle und die der anderen gar nicht mehr richtig wahrnehmen. Unter anderem der Satz „Ist nichts passiert. “

Wisst ihr was ich immer gesagt habe als ich gestürzt bin oder mir anderweitig weh getan habe?

„Nichts passsiiiiiert!“ 

Und eigentlich ist doch was passiert. Ich bin die halbe Treppe (weitesgehend unversehrt) runtergesaust und bin ziemlich unsanft auf meinem Steiß aufgekommen. Nichts passiert? Was sag ich da?

Schmerzen verdrängen , Gefühle zurückhalten. Das ist nicht stark. Wir haben nur ein Leben. Gebt euch und euren Kindern die Chance, alle Emotionen zeigen und wahrnehmen zu dürfen.